18.01.2022

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Folge 17-21 vom 30. April 2021 / Walter Ulbricht / Erzwungener Abtritt vor 50 Jahren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-21 vom 30. April 2021

Walter Ulbricht
Erzwungener Abtritt vor 50 Jahren
Erik Lommatzsch

Aus „Altersgründen“ bat Walter Ulbricht am 3. Mai 1971 darum, ihn von seinen Aufgaben als Erster Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED zu entbinden. Der ehemalige KPD-Politiker war von Beginn an der starke Mann bei der Errichtung der zweiten deutschen Diktatur gewesen, im Sinne der Sowjets agierend und von diesen unterstützt. Der Rückzug des beinahe 78-Jährigen aus der DDR-Führung vor 50 Jahren erfolgte für die Öffentlichkeit überraschend und geschah alles andere als freiwillig. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen, die zur Folge hatten, dass Moskau Ulbricht fallen ließ. Er musste den ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen Erich Honecker, der massiv gegen ihn intrigiert hatte, als Nachfolger vorschlagen.

Seinen Einfluss und das Potential der DDR überschätzend, hatte Ulbricht versucht, sich von den Sowjets zu lösen und eine vergleichsweise eigenständige Politik in Gang zu setzen. Missfallen erregte er beim seit 1964 amtierenden Kremlchef Leonid Breschnew mit seinem eigenwilligen ideologischen Sonderweg. So hatte er die These entwickelt, der Sozialismus sei eine „relativ selbstständige sozialökonomische Formation“. Dies widersprach der marxistisch-leninistischen Lehre und stellte die DDR, die nun selbst „Modellcharakter“ bekommen sollte, auf eine Entwicklungsstufe mit der Sowjetunion, was deren Führungsanspruch unterminierte. Auch im Verhältnis zur Bundesrepu­blik suchte er eigene Wege. Der Historiker Ulrich Völklein urteilt, der SED-Chef sei „auf seine alten Tage“ ein „Pragmatiker“ der Ost-West-Entspannungspolitik gewesen. Neben Moskau verfolgte ein großer Teil der DDR-Führung Ulbrichts Emanzipationsbestrebungen mit Missfallen. Hinzu kam eine problematische wirtschaftliche Lage zu Beginn der 1970er Jahre, die sich nicht zuletzt aus der erzwungenen Orientierung an der Sowjetunion ergab.

Schließlich richtete das SED-Politbüro im Januar 1971 einen von Honecker formulierten „Hilferuf“ an Breschnew und forderte Ulbrichts Entmachtung. Belassen wurde ihm bis zu seinem Tod das – einflusslose – Amt des Staatsratsvorsitzenden. Der um ihn betriebene Personenkult erfuhr ein nahezu schlagartiges Ende. Im Oktober 1971 erfolgte eine interne Abrechnung der Genossen mit dem einst nahezu allmächtigen Ulbricht, es fielen Sätze wie: „Du hast mit Verdrehungen gearbeitet, mit Lügen und Verleumdungen.“