18.04.2024

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Folge 17-21 vom 30. April 2021 / Für Sie gelesen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-21 vom 30. April 2021

Für Sie gelesen

Ein ständiger Balanceakt

Der im sächsischen Burgstädt geborene Marko Martin hat im Mai 1989 die DDR verlassen können, nachdem er als Kriegsdienstverweigerer dort mit einem Hochschulverbot belegt worden war. In der Bundesrepublik hat er sich als Schriftsteller immer wieder zu deutsch-deutschen Themen einen Namen gemacht. In seinem Buch: „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden  und Entdecken der Kultur des Ostens“ erzählt er an vielen Beispielen aus Literatur, Filmen und Liedern die Geschichte der Kultur der DDR als ständigen Balanceakt zwischen staatlicher Anforderung und künstlerischer Wahrhaftigkeit. 

Das Buch wirkt wie eine Aufforderung, vor allem an westliche Leser, diese so vielfältige und heterogene Kultur endlich genauer kennenzulernen und auch ernst zu nehmen. Martin hat sein Buch in sieben Kapitel unterteilt, wobei er zu Beginn in launiger Manier Pop und Punk in der DDR Revue passieren lässt und dann – vermutlich auch für Kenner eine Entdeckung – das Genre von Indianer- und Wild-West-Romanen erzählt. Im Kapitel „Frauenbild“ bringt er fast alle großen Namen wie Christa Wolf, Irmtraud Morgner oder Maxi Wander, die wohl doch inzwischen zum gültigen Kanon der gesamtdeutschen Nachkriegsliteratur gehören. 

Wenig bekannte Bücher 

Das folgende Kapitel über – ebenfalls viele – jüdische Autoren spiegelt einen wohl nur in der DDR so vorhandenen Zwiespalt: Die Väter kamen, nach einem schweren Schicksal von Haft oder Emigration während der NS-Zeit, oft als glühende Verfechter des Kommunismus zurück, was viele von ihren Kindern in eine heftige Opposition trieb mit schweren Konflikten, die daraus folgten. Am Ende erinnert der Autor an so große Namen wie Peter Huchel, Johannes Bobrowski oder Rainer Kunze, die allerdings längst auch zum gesamtdeutschen Kanon zählen. Schließlich empfiehlt Martin „zum Nachlesen“ zahlreiche oft wenig bekannte Bücher der zuvor zitierten Autoren. 

Martin stellt viele Autoren und Bücher in großer Ausführlichkeit vor. Als Leser erlebt man ständig Ächtungen und Schikanen, Reise- und Druckverbote („eine 40 Jahre währende Amputation nach Plan“) durch den Staat. Das Buch steigert sich zu einer immer intensiveren Erzählung, die den Leser Anteil nehmen lässt an schweren Schicksalen, an mutigem Verhalten angesichts von Druck und Erpressung und nicht zuletzt an bedeutender Literatur, die man in der Tat oft viel zu wenig kennt. 

Der positive Eindruck wäre noch nachhaltiger, wenn der Autor auf eine im Osten häufig zu beobachtende, teilweise verächtlich wirkende Herablassung auf Menschen und Lebensart des Westens (großsprecherische Wessis, Voyeurismus des Westpublikums) verzichtet hätte. Ein Stasi-Folterkeller kann doch schließlich keine Eingangsprüfung zum Verständnis von DDR-Kultur sein. Dirk Klose

Marko Martin: „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens“, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2020, gebunden, 224 Seiten, 24 Euro