27.01.2022

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Folge 18-21 vom 07. Mai 2021 / Hamm-Brücher / Bonns linksliberale „Grande Dame“

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-21 vom 07. Mai 2021

Hamm-Brücher
Bonns linksliberale „Grande Dame“

Als „Grande Dame“ der FDP ließ sich Hildegard Hamm-Brücher nicht ungern bezeichnen. Die linksliberale Politikerin kandidierte 1948 erfolgreich für den Münchener Stadtrat. 2012 gehörte sie noch einmal der Bundesversammlung an, allerdings auf Initiative der Grünen. Ihrer Partei hatte sie zu dieser Zeit bereits den Rücken gekehrt. Sie verstand sich seitdem als „freischaffende Liberale“. Die Eckdaten kennzeichnen den langen Zeitraum ihrer umfassenden politischen Betätigung mit einer Vielzahl an Mandaten und Ämtern.

Geboren wurde Hildegard Brücher vor 100 Jahren, am 11. Mai 1921, in Essen. Den Doppelnahmen führte sie seit der 1956 geschlossenen Ehe mit dem CSU-Politiker Erwin Hamm. Während des NS-Regimes galt sie als „Halbjüdin“, konnte aber, auch durch Protektion des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland, in München ein Chemiestudium absolvieren. Entfernt war sie mit Mitgliedern der „Weißen Rose“ bekannt, von deren konkretem oppositionellen Wirken sie nichts wusste. Sie sagte im Nachhinein, es sei die „Gesinnung“ gewesen, „die uns verbunden hat“. Das Andenken an den Widerstand war ihr stets ein Anliegen.

Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, dem sie 1946 begegnete, überzeugte sie „von einer Politik auf der Basis einer süddeutsch-demokratischen Spielart des Liberalismus“, so der Historiker Jürgen Frölich. 

Hamm-Brücher machte sich als Bildungspolitikerin einen Namen. Sie war Abgeordnete im Bayerischen Landtag und in Bonn, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium und Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Enttäuscht zeigte sie sich, als ihre Partei 1982 die sozialliberale Koalition beendete und mit der Union zusammenging. Das konstruktive Misstrauensvotum lehnte sie ab. Vor der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler rief sie dazu auf, „der persönlichen Meinung und Verantwortung des gewählten Abgeordneten mehr Gewicht“ beizumessen. Der Linie der eigenen Partei stand sie fortan äußerst kritisch gegenüber.

1994 stellte die FDP sie als Bundespräsidentschaftskandidatin auf. Gegen ihren Willen wurde sie vor dem dritten Wahlgang zurückgezogen. Acht Jahre später verließ sie die Liberalen. Vor allem durch das Wirken von Jürgen Möllemann sei die FDP „zur rechten Volkspartei“ geworden, wie Hamm-Brücher es formulierte. Öffentlich engagiert war sie weiterhin. Am 7. Dezember 2016 ist sie gestorben.E.L.