17.01.2022

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Folge 19-21 vom 14. Mai 2021 / Literarische „Influencerin“ / Anspruchsloses, aber geistreiches Bürgermädchen / Mit ihren Salons hat sich Rahel Varnhagen von Ense einen Namen gemacht – Vor 250 Jahren wurde die Berlinerin geboren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-21 vom 14. Mai 2021

Literarische „Influencerin“
Anspruchsloses, aber geistreiches Bürgermädchen
Mit ihren Salons hat sich Rahel Varnhagen von Ense einen Namen gemacht – Vor 250 Jahren wurde die Berlinerin geboren
Wolfgang Dahle

„Ohne allen Vergleich der entzückendste und geistreichste ... in ganz Berlin“: Dieses Lob eines Diplomaten galt dem Gesellschaftskreis eines, wie er weiter anmerkte, „anspruchslosen Bürgermädchens, ohne glänzende Verbindungen, ohne den allgültigen Freibrief der Schönheit und ohne bedeutendes Vermögen“. 

Im geselligen Salon der Rahel Levin, die nach ihrer Heirat als Rahel Varnhagen von Ense in die Literaturgesichte eingehen sollte, verkehrten die Brüder Humboldt, die Dichter Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck, später auch Adalbert von Chamisso und der Philosoph Gottlieb Fichte. Als Rahel Ende des 18. Jahrhunderts in der Jägerstraße 54 ihren ersten Salon eröffnete, gab es in Berlin noch keine Universität. Erst 1809 gründete König Friedrich Wilhelm III. die erste Universität zu Berlin, aus der später die Humboldt-Universität wurde. Davor waren gesellschaftliche Salons für die bürgerliche Kultur als ein Forum des Gedankenaustauschs von großer Bedeutung.

Rahel Varnhagen von Ense, die am 19. Mai 1771 als Tochter eines Bankiers und Juwelenhändlers in Berlin geboren wurde, wollte aber auch die Frauen aus der Enge ihrer häuslichen Umgebung in Bildungsformen führen. Sie fand es als bedrückend in einer Rolle als Frau und Jüdin, dass weder akademische Bildung noch die Teilhabe an einem aufgeklärten Disput ermöglicht wurde. Somit kann sie als eine Vordenkerin der Frauenbewegung gesehen werden. 

Zwangspause wegen der Franzosen

In ihren Tagebüchern, die sie seit etwa 1812 verfasste, schrieb sie über ihr Befinden unter anderem: „Die Missgeschicke, die unmittelbar vom Himmel kommen, ertrag ich immer mit ganzer Seele, ruhig. Wo aber Unbill von Menschen ausgeführt mich befährdet, da ist meine Seele nicht zusammen, und dies kann ich gar nicht ertragen.“ 

Nach dem Einzug der Franzosen im Oktober 1806 in Berlin löste sich der Salon in der Jägerstraße vorerst auf. Nach einigen weniger glücklichen Verbindungen lernte Rahel den damaligen Studenten Karl August Varnhagen von Ense kennen, auf den sie einen bestimmenden Einfluss nehmen konnte. Sie bezog damals noch eine eigene Wohnung in der Charlottenstraße. Etwa sieben Jahre liegen zwischen ihrem ersten Kennenlernen und der Eheschließung am 27. September 1814. 

Ehe mit Varnhagen von Ense

Der Zusammenbruch Preußens hatte nicht nur die Auflösung ihres Salons zur Folge. Auch ihr Vermögen war fast aufgebraucht, dessen Rest sie dann während der Befreiungskriege für wohltätige Zwecke außerhalb Berlins verwandte. Die Eheleute erlebten auch den Wiener Kongress, den Rahel mit den Worten charakterisierte: „eine große Gesellschaft, die vor lauter Amusement nicht scheiden kann“. 

Doch als Preußen und die anderen Länder wieder frei waren, sammelten sich ab 1819 in ihrer gemeinsamen Wohnung wieder Träger bekannter Namen wie Bettina von Arnim, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Wilhelm Hegel, Alexander von Humboldt, Fürst Pückler-Muskau und der junge Heinrich Heine zum geistreichen Gedankenaustausch.

Ihr Mann ging seinen Weg als Diplomat in preußischen Diensten, war auch Teilnehmer an den Befreiungskriegen. Er überlebte seine Frau um 25 Jahre, denn sie starb am 7. März 1833 und wurde auf dem Friedhof der Dreifaltigkeits-Gemeinde I in Kreuzberg beigesetzt. Rahels Nichte Ludmilla Assing verfügte in ihrem Testament 1876 die Schenkung des Nachlasses von Rahel und Karl August von Ense an die Königliche Bibliothek, die heutige Staatsbibliothek. Dort heißt das Arbeitszimmer der Generaldirektorin seit einigen Jahren „Rahel-Varnhagen-Zimmer“.

Heute gibt es im vereinten Berlin wieder zahlreiche Klubs und Literarische Treffs, die im Sinne der frühen „Influencerin“ Rahel einen einflussreichen Gedankenaustausch pflegen, wie das Literarische Kolloquium oder die Schwarz’sche Villa im Westen der Stadt oder der Treffpunkt am Bertolt-Brecht-Haus in der Chausseestraße.