26.01.2022

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Folge 20-21 vom 21. Mai 2021 / Wissenschaft / Forscher auf dem Dach der Welt / Der im Kreis Preußisch Eylau geborene Karl Wienert erkundete Ende der 1930er Jahre Tibet – im Auftrag Heinrich Himmlers

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-21 vom 21. Mai 2021

Wissenschaft
Forscher auf dem Dach der Welt
Der im Kreis Preußisch Eylau geborene Karl Wienert erkundete Ende der 1930er Jahre Tibet – im Auftrag Heinrich Himmlers
Wolfgang Kaufmann

Erdmagnetische Messungen, das heißt die Ermittlung der lokalen Intensität und Ausrichtung des Magnetfeldes unseres Planeten, sind von großer praktischer Bedeutung. So deuten Abweichungen von den Durchschnittsparametern oft auf die Existenz von unterirdischen Erzlagerstätten hin. Darüber hinaus spielen die erhobenen Werte auch eine zentrale Rolle beim Navigieren zur See und in der Luft. Einer der Pioniere auf diesem wichtigen Gebiet der Geophysik war Karl Wienert, der am 30. März 1913 in Serpallen im Kreis Preußisch Eylau geboren wurde.

Wienert studierte an der Universität Königsberg und promovierte 1938 mit einer Arbeit über erdmagnetische Messgeräte. Unmittelbar danach nahm er an der „Deutschen Tibetexpedition Ernst Schäfer“ teil, die unter der Schirmherrschaft des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, stand und das damals noch vielfach unerforschte Hochland nördlich des Himalaya erkunden sollte. 

Ins „verbotene“ Lhasa

Dass der Chef von Hitlers Schutzstaffel hier als Unterstützer auftrat, hing einerseits mit seinem persönlichen Interesse an Tibet als möglichem Rückzugsort der „urarischen Rasse“ zusammen. Andererseits wollte sich Himmler aber auch als Förderer der Wissenschaften profilieren, um das Ansehen der SS aufzupolieren und neue Kompetenzen zu erlangen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelang es Schäfer und dessen Mitstreitern Karl Wienert, Bruno Beger, Ernst Krause und Edmund Geer Anfang 1939, von Britisch-Indien aus in die für Ausländer eigentlich strikt „verbotene“ tibetische Hauptstadt Lhasa zu gelangen. Danach wurden dort erstmals diplomatische Kontakte zwischen Deutschland und dem damals noch formell unabhängigen Tibet geknüpft. Allerdings trafen die Fünf dabei nicht mit dem Dalai Lama zusammen, sondern nur mit dem Regenten Reting Rimpoche. Der besorgte für den 1935 geborenen, also noch sehr kindlichen Gottkönig Tibets die Regierungsgeschäfte.

Wienert fungierte während des Unternehmens, welches wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges endete, als Stellvertreter des ebenso cholerischen wie durchsetzungsfähigen Expeditionsleiters Schäfer. Er bestimmte an insgesamt 650 Standorten in Nordindien und Südtibet die geomagnetischen Werte und schloss damit die Lücke in der Messkette des größten deutschen Geophysikers aller Zeiten, Wilhelm Filchner, der zwischen 1903 und 1937 abertausende Kilometer durch West-, Nord- und Osttibet gezogen war.

Schwerer Neustart nach 1945

Im Anschluss an die Rückkehr aus Zentralasien sollte Wienert dann eigentlich umgehend seine Forschungsergebnisse aufbereiten und publizieren. Das zog sich allerdings bis 1944 hin, weil er abwechselnd vom Wetterdienst der Luftwaffe und von Himmler in Anspruch genommen wurde. Der SS-Chef betraute die Teilnehmer der Schäfer-Expedition zunächst mit der Vorbereitung eines militärischen Geheimunternehmens, dessen Ziel darin bestehen sollte, die tibetische Armee zum Kampf gegen die Briten in Indien zu animieren. Jedoch erwies sich dieses megalomane Vorhaben als vollkommen unrealisierbar, woraufhin der Reichsführer SS Wienert befahl, anderen Projekten nachzugehen. 

Zuerst musste der Geophysiker am Ufer einiger oberbayerischer Flüsse nach Gold suchen, danach oblag ihm die wissenschaftliche Begutachtung der diversen absonderlichen Geräte zur Ortung unterirdischer Lagerstätten, welche Scharlatane wie Friedrich Schröder-Stranz an die SS verkaufen wollten. Und zum Schluss ging es erneut um das Aufspüren von Bodenschätzen zum Nutzen der Wehrwirtschaft des Dritten Reiches: Erst schickte Himmler Wienert im Oktober 1944 ins Wartheland, um dort Erdölvorkommen zu ermitteln, dann befahl er ihm, Konzentrationen von reinem Eisen in den Alpen zu lokalisieren, die aus Meteoriteneinschlägen resultieren.

Von Mai 1945 bis Dezember 1947 saß Wienert wegen seiner Zugehörigkeit zur SS – zuletzt im Rang eines Hauptsturmführers – in diversen Internierungslagern. Danach stand der hochqualifizierte Geowissenschaftler ohne Beschäftigung da, obwohl er am Ende zweier Entnazifizierungsverfahren vor der Lagerspruchkammer Regensburg und der Hauptspruchkammer München als reiner „Mitläufer“ eingestuft worden war. 

Bis 1978 in der Wissenschaft aktiv

1951 versicherte sich dann jedoch die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) der Dienste des arbeitslosen Spezialisten und schickte ihn nach Pakistan, wo er bis Ende 1954 das erdmagnetische Observatorium Quetta aufbaute. Im Anschluss daran wechselte Wienert nach Ägypten und schulte dort die Mitarbeiter des Heluan-Observatoriums. 

Währenddessen setzte in Bayern ein Umdenken ein, was die Einstellung des nunmehr international anerkannten Experten betraf. Daher konnte dieser schließlich 1958 an das Geophysikalische Institut der Universität München wechseln. Dort avancierte er in der Folgezeit zum Akademischen Direktor. Gleichzeitig wurde Wienert Oberobservator am Observatorium in Fürstenfeldbruck, wo er bis 1978 arbeitete. Eine Professur blieb dem gebürtigen Ostpreußen, dessen Lebensweg am 24. August 1992 endete, hingegen trotz seiner wissenschaftlichen Verdienste verwehrt.