24.01.2022

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Folge 20-21 vom 21. Mai 2021 / Antike Mythen / „Er Ist, Der Er Ist“ / Handwerkliches Fingerspitzengefühl und ein bisschen Dada – Raoul Schrott übersetzt vier große Tragödien des Euripides

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-21 vom 21. Mai 2021

Antike Mythen
„Er Ist, Der Er Ist“
Handwerkliches Fingerspitzengefühl und ein bisschen Dada – Raoul Schrott übersetzt vier große Tragödien des Euripides
Harald Tews

Einige Übersetzungen ins Deutsche haben kanonischen Charakter, das heißt, sie sind bis in die heutige Zeit unverzichtbar geworden. Dazu gehören die Luther-Bibel, die Schlegel-Tiecksche Shakespeare- oder die Voss’sche Homer-Übersetzung.

Die moderne Übertragung eines anderen antiken Klassikers hat das Zeug, ebenfalls kanonisch zu werden: Raoul Schrotts Verdeutschung der „Großen Stücke“ des griechischen Dramatikers Euripides. In Zeiten, da das schwierige Handwerk von Versübersetzungen antiker Literatur aus der Mode gekommen ist, hat sich Schrott so etwas wie eine Monopolstellung aufgebaut. Als Literaturwissenschaftler, Romanautor („Finis Terrae“, „Tristan da Cunha“) und Lyriker hat er sein Fingerspitzengefühl für Übersetzungen von babylonischen („Gilgamesch-Epos“) und antiken Werken (Homers „Ilias“) bereits ausgiebig beweisen können.

Dieses zeigt er einmal mehr bei den Tragödien „Alkestis“, „Bakchen“, „Elek­tra“ und „Orestes“. Es wäre müßig über griechische Versmaße zu reden wie den jambischen Trimeter oder den Daktylus, über die Besonderheiten der Metrik mit der Zäsur in der Versmitte oder den hymnischen Dithyrambos in der Chorlyrik. Einerlei: Schrott beherrscht das alles, weshalb er auch nicht den einfachen Weg einer Prosaübertragung ging. Das geht keineswegs zulasten der Verständlichkeit, auch wenn manches leicht „dada“ klingt: „Er Ist, Der Er Ist, Dionysos, Der, Der Er Ist.“ Schrott hat sich viel mit Dadaismus beschäftigt, das merkt man seiner Nachdichtung an, schaden tut es aber nicht. Es wirkt eine Frischluftzufuhr.

Entsprechend sinniert Oliver Lubrich im Nachwort über „Die Modernität der Tragödie“ bei Schrott/Euripides. Gleiches lässt sich sicher auch von vielen anderen Klassikern behaupten. Das bacchantische Gelage der vom Gott Dionysos mit einer Überdosis berauschten Bakchen, der Opfertod der Alkestis, die für ihren geliebten Mann Admetos in die Unterwelt geht, sowie der Rachemord der Elektra und ihres Bruders Orestes an ihrer Mutter Klytaimestra, die ihren Mann, König Agamemnon, töten ließ, nehmen in Schrotts Version durchaus feministische Züge an. Spaß zu lesen macht es trotzdem. 

Etwa 18 Stücke sind von Euripides erhalten, darunter Klassiker wie „Medea“,  „Iphigenie in Aulis“ oder „Die Schutzflehenden“. Schrott hat da noch viel zu tun, um sie für ein Lesepublikum aufzufrischen, denn in den Theatern sind attische Tragödien wie auch die von Sophokles und Aischylos leider immer seltener zu sehen.

Euripides: „Die großen Stücke. Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes“, übertragen von Raoul Schrott, dtv, München 2021, gebunden, 408 Seiten, 30 Euro