17.01.2022

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Folge 21-21 vom 28. Mai 2021 / Verkehrspolitik / Geschäfte klagen über Umsatzeinbruch / Modellprojekt „autofreie Friedrichstraße“ sorgt bei Anliegern für Verdruss – Senatorin spricht von „Flair“

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-21 vom 28. Mai 2021

Verkehrspolitik
Geschäfte klagen über Umsatzeinbruch
Modellprojekt „autofreie Friedrichstraße“ sorgt bei Anliegern für Verdruss – Senatorin spricht von „Flair“
Frank Bücker

Mehr als eine Million Euro haben die Berliner Verkehrsverwaltung und das Bezirksamt Berlin-Mitte bei dem Unternehmen „autofreie Friedrichstraße“ (Senatssprech: Verkehrsversuch „Friedrich the Flaneur“) ausgegeben – und nebenbei die anliegenden Geschäftsleute massiv geschädigt. 

Eine Anfrage des Bundes der Steuerzahler brachte ans Licht, dass über eine Million Euro aufgewendet wurden. Markierungen und Beschilderungen in der ersten Projektphase beliefen sich bisher auf 111.000, sogenannte Parklets aus gemieteten Bühnenelementen oder selbstgebastelten Holzkonstruktionen kosteten 93.000, fünf „Showcases“ – zu gut deutsch: Vitrinen – 15.574 Euro. Die bewährte Parkplatzvernichtungswaffe Blumenkübel – hier mit 45 Kaiserlinden und 20 Amberbäumen bestückt – macht noch mal 44.223 Euro aus. Dazu kommt „Kleinkram“ wie 1.398 Euro für Kommunikation – sprich Information der Anwohner. 

Die meisten von Anfang an dagegen

Die meisten Geschäftsleute waren von Anfang an dagegen, manche verhalten, andere vehement. Aus dem Kaufhaus Galerie Lafayette ist zu hören: „Die Frequenz ist um 25 bis 35 Prozent gesunken.“ Claudia Boelsen, die Geschäftsleiterin des Juweliers Bucherer, ist da ganz deutlich: „konzeptlos und dilettantisch“. Conrad Rausch vom Verein „Die Mitte“ weiß zu berichten, dass sich auf dem Mobiliar (Parklets) Wohnungslose niedergelassen hätten. 

Doch offensichtlich hat Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) eine ganz andere Wahrnehmung: „Ich selbst habe im Vorfeld mit vielen Geschäftsleuten gesprochen. Sehr viele von ihnen unterstützen das autofreie Projekt, weil sie damit die Chance sehen, die Straße zu beleben. Gemeinsam werden wir die Friedrichstraße neu gestalten, sie begrünen, als Erlebnisraum attraktiv machen, um ihr so wieder Flair zu geben.“

Dassel: Schuld ist Corona

Rechtsgrundlage für diesen Versuch ist der Paragraf 45 der Straßenverkehrsordnung, der Derartiges auf die Dauer von drei Monaten beschränkt. Ursprünglich sollte der „Versuch“ auch nur bis Ende 2020 dauern. Dann kam Corona dazwischen. Nun will das Bezirksamt Berlin-Mitte „nicht ausschließen“, die Friedrichstraße bis Ende 2021 zu sperren. Günther teilte bereits mit, dass die Straße zumindest bis zum 31. Oktober autofrei bleibe. So lange benötige man für die Auswertung. Ihr Planer Hartmut Reupke hat dafür 445.446 Euro vorgesehen.

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) versucht es mit gutem Zureden: „Ich appelliere an Sie, die Friedrichstraße nicht schlechtzureden ... Geben Sie ihr eine Chance.“ Das mangelnde Kaufinteresse begründet von Dassel mit Corona: „Es hat sehr viel mit Corona zu tun. Das Einkaufsverhalten hat sich geändert.“ 

Eigentlich gibt es da nicht viel auszuwerten, wenden Kritiker ein. Viel besonders kaufkräftiges Publikum führe üblicherweise mit dem SUV in die Tiefgarage und gehe dann einkaufen. Kaufhäuser und Geschäfte in der Innenstadt hätten ohnehin mit den Einkaufszentren am Stadtrand zu kämpfen, wo Autofahrer willkommen sind. Dort gebe es auch hochwertige und teure Outlet-Center.