24.01.2022

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Folge 21-21 vom 28. Mai 2021 / Tirol / Es ist eingeläutet / Seit dem 19. Mai hat Österreich die Tore für Touristen geöffnet – Im Pillerseetal läuten die Freudenglocken besonders vielfältig

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-21 vom 28. Mai 2021

Tirol
Es ist eingeläutet
Seit dem 19. Mai hat Österreich die Tore für Touristen geöffnet – Im Pillerseetal läuten die Freudenglocken besonders vielfältig
Judith Kunz

Satellitengestützte Positionsbestimmung sei in den Bergen schwierig, erklärt Kunst- und Metallgießer Wolfgang Olivier: „Es muss nur ein Fels im Weg stehen, schon ist das Signal futsch.“ Während die moderne Kuh im Flachland zum Auffinden inzwischen Peilsender trägt, sind die Weidetiere im Gebirge weiterhin mit Glocken unterwegs, damit der Hirte sie im weitläufigen Gelände besser finden kann. 

Die meisten der klingenden Anhänger stammen aus Waidring, einem kleinen Ort im Pillerseetal, der als Tiroler Glockendorf im Bezirk Kitzbühel von sich reden macht. Hier, wo seit Generationen der Klang der Alpen gemixt wird, erfahren Besucher in einer Ausstellung alles über Glocken – natürlich nicht nur für Kühe, sondern auch für Kapellen und Kirchen. Sie können beim Schaugießen in der Werkstatt dabei sein und bald auch auf einem Themenweg Klangspiele initiieren.

Insgesamt gibt es in Tirol noch drei Glockengießereien – zwei davon in Waid­ring mit seinen 2000 Einwohnern und dem Blick auf die Loferer Steinberge und die Steinplatte. Olivier betreibt inmitten der Bilderbuchkulisse Lugmair’s Metallgießerei, während sein Cousin für die Firma Kunst- und Glockenguss Richard Foidl steht. Beide gehören zu den Gründern des Glockendorfs: „Wir möchten das traditionelle Handwerk und die Bedeutung, die dem Bimmeln und Läuten im Wandel der Zeit zukommt, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.“

Die Glockenwelt im Glockendorf

Das geschieht seit vergangenem Jahr in der Glockenwelt – einer faszinierenden Ausstellung im Biatron. So heißt der überdimensionale Schneeball, der zur Biathlon-Weltmeisterschaft 2005 im Pillerseetal geformt wurde und der sich jetzt in einen multimedialen Klangkosmos verwandelt hat.

Doch zunächst zurück zum Vieh. Grob geschätzt trägt jede Kuh im Alpenraum Halsschmuck aus Waidring. Olivier stellt in seinem Familienbetrieb, den er in der fünften Generation betreibt, im Schnitt 6000 Glocken pro Jahr her, die Haltbarkeit liegt bei 30 Jahren. „Vieles steht natürlich längst in Vereinsheimen und Vitrinen“, schränkt der 52-Jährige ein und ist sich dennoch bewusst, dass er auf den Almen in Tirol, im Salzburger Land, im Allgäu und in Südtirol den Ton angibt.

Das maximale Gewicht, das eine Kuh am Hals hat, sind übrigens sieben Kilo. Wobei die großen Stücke nur beim Almabtrieb getragen werden, im Alltag beim Bergkräuterwiederkäuen sind es kleinere Modelle. Aber alle haben den perfekten Klang, nicht zuletzt dank ihrer gotischen Form, die man aus der Kirche kennt und die der Spezialist als Optimum beschreibt. 

Waidringer Klanggeschichten

Wenn Olivier Glocken für Kapellen oder auch mal für ein Mittelalter-Konzert herstellt, ist der Klang das Wichtigste überhaupt. Bei der Herstellung beeinflussen Größe und Form die Tonlage, auch das Mischungsverhältnis aus Kupfer und Zinn sowie die Reinheit des Materials spielen eine Rolle. Nach dem Schmelzen kommt der Feinschliff. In diesem Arbeitsschritt bringt der Mann mit dem guten Gehör alle mitschwingenden Töne in Einklang zum harmonischen Gesamtton. Das ist die hohe Kunst. Der Meister hat viel zu erzählen, wenn Besucher zum Schaugießen in seine Werkstatt kommen.

„Die Ausstellung fasziniert ganz einfach“, freut sich Olivier. Besucher erfahren, dass Glockenklänge früher auch die Funktion des Telefons erfüllten. „Es brennt“, hallte es von Tal zu Tal. Oder: „Mittagessen ist fertig“, wenn die Bäuerin gekocht hatte. Fünf historische Glockentürme, die inzwischen ausgedient haben, sind die Hingucker der Ausstellung. Wer die Unterschiede zwischen Alm-, Dorf-, und Kirchengeläut erhören möchte, begibt sich auf eine multimediale Reise. Und lernt hier auch Uhrmacher Josef Hauser und dessen Lebenswerk kennen: Er schuf einen Dom aus Holz mit einem Geläut, das, einmal initiiert, eine halbe Stunde lang fortdauernd spielte. Gewürdigt wird zudem der Gönner Alexander Kreuter, ein Frankfurter Jurist, der nach beiden Weltkriegen für alle Kirchen Waidrings neue Glocken spendierte. Denn wie allerorten wurden die Klangkörper auch im Pillerseetal geschmolzen, um den Rohstoff zur Waffenproduktion zu nutzen.

Derzeit in Planung ist der Glockenerlebnisweg. Auf diesem Rundgang werden interessante Anekdoten der Waidringer Klang-Geschichte erzählt. Endpunkt ist das große Glockenspiel. Besucher können aus 20 Melodien wählen. Eine davon ist das „Waidring-Lied“, das extra fürs Glockendorf komponiert wurde. 

Auf der Alm bestimmt nach wie vor das Vieh den Rhythmus. Auch wenn Kuhglocken für Olivier „nur“ das Basisgeschäft sind, freut er sich über die Heimatklänge. Was wäre der Sommer in den Bergen ohne das Bimmeln? Einfach unvorstellbar. Wer nicht auf den Klang verzichten möchte, nimmt sich zur Sicherheit eine echte Waidringer Kuhglocke als Souvenir mit nach Hause. 

Als Tourist spart man mit der Gästekarte im Pillerseetal dreifach: Man kann damit den öffentlichen Regiobus kostenlos nutzen und quer durch die Kitzbüheler Alpen (von Hochfilzen bis Wörgl) gratis per S-Bahn und Zug (REX) fahren. Außerdem bekommt man dadurch die Pillerseetal-Card günstiger, mit der Bergbahnen und zahlreiche weitere Angebote gratis sind. Erwachsene zahlen für das vier Tage gültige Vorteilsticket 52 Euro, Kinder 27 Euro. Zum Ausklang der Bergsaison (ab 11. September) ist die Drei-Tages-Karte erhältlich. Erwachsene zahlen hier bei Vorlage der Gästekarte 47 Euro, Kinder nichts. Der Nachwuchs ab Jahrgang 2017 und jünger ist immer gratis unterwegs – egal, welches Ticket die Eltern haben. Infos: Tourismusverband PillerseeTal – Kitzbüheler Alpen, Dorfplatz 1, A-6391 Fieberbrunn, Telefon 0043 (0)5354/56304, info@pillerseetal.at, www.pillerseetal.at; www.glockendorf.tirol