27.01.2022

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Folge 21-21 vom 28. Mai 2021 / Für Sie gelesen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-21 vom 28. Mai 2021

Für Sie gelesen

„Nett kann jeder“

Es gibt Bücher, deren Titel bescheiden daherkommen. Roswitha Schiebs Publikation „Der Berliner Witz“ ist so eines. So sehr das Titelbild, ein Werbeplakat von 1913 mit lachendem Publikum im Berliner Wintergarten, auch anspricht, der Titel lässt Plattitüden vermuten. 

Doch ein Blick in den über 200 Seiten starken Band lässt aufmerken. Nicht nur, dass es großen Spaß macht, sich Seite für Seite köstlich unterhalten zu lassen, sodass man immer wieder über die Beispiele von Schlagfertigkeit lachen muss, nein, der Leser wird hier durch die Jahrhunderte der Kulturgeschichte dieses märkischen Menschenschlages geführt, dessen Stadtsprache im Niederdeutschen wurzelte und von französischen, jiddischen und slawischen Wendungen stark beeinflusst wurde. 

Schon die Titel der Kapitel belustigen: „Meckern ist wichtig, nett kann jeder“. Der Abschnitt erklärt den Berliner Witz im Allgemeinen und Besonderen. Des Weiteren geht es durch die Jahrhunderte mit „Als die Haare auf den Zähnen wuchsen“, womit die Zeit des Vormärzes bis 1848 gemeint ist bis hin zum „Latte Macke im Gebärmutterbezirk“ am Ende des Buches.

„Der Berliner Witz allerdings begann sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts langsam zu regen“, lässt die Autorin wissen. Vorher seien nur „derbe, grobe und geistlose Scherze“ aus dem Tabakskollegium des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. überliefert. Dieser Landesvater durchstreifte oft misslaunig die Straßen und prügelte jeden mit seinem Spazierstock, der ihm äußerlich nicht gefiel oder Müßiggang betrieb. Laut Schieb entwickelte sich aus dieser Prügeltradition im 

19. Jahrhundert im Handwerkermilieu die Volksbelustigung von Massenschlägereien, die später durch verbale Schlagfertigkeit ersetzt wurde. Ab da war der Berliner Witz auf dem Vormarsch. Welchen geistreichen Einfluss der berühmteste Preußenkönig, Friedrich der Große, bei der Entwicklung hatte, ist ebenfalls zu erfahren.

Die Geschichte der Entstehung des Berliner Witzes ist hochinteressant, und anhand zahlreicher Beispiele beleuchtet die Autorin die Kaiserzeit, den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit und schließlich die Ära der geteilten Stadt, in welcher der Humor ebenfalls zweigeteilt war, „gerne auf Kosten des ideologischen Systems der jeweils anderen Seite“, wie Schieb erläutert.

Den Abschluss bildet die Zeit von 1990 bis heute. Hier trifft man auf die zeitgenössischen Kabarettisten, wie Kurt Krömer, Fil, Ilka Bessin, Martin Buchholz und andere, die den Berliner Witz am Leben erhalten, auch wenn er generell immer wieder totgesagt wurde. Die Schlagfertigkeit, die Lust an Widerworten und der Sinn für Sprachspiele und Übertreibungen werden laut Verfasserin in dieser Stadt niemals aussterben. 

Wer sich als Tourist unter die Berliner mischt, kann das zweifellos aus eigener Erfahrung bestätigen. Ein großartiges Werk, das lange nachhallt.

Silvia Friedrich

Roswitha Schieb: „Der Berliner Witz - Eine Kulturgeschichte“, Elsengold Verlag, Berlin 2020, gebunden, 25 Euro