18.01.2022

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Folge 24-21 vom 18. Juni 2021 / Importierte Plage / Deutschland wird untergraben / Nutrias wurden einst als Nutztiere eingeführt – Nun werden die verwilderten Nachfahren der Nager zunehmend zur ernsten Gefahr für Deiche, Uferbewohner und die Landwirtschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-21 vom 18. Juni 2021

Importierte Plage
Deutschland wird untergraben
Nutrias wurden einst als Nutztiere eingeführt – Nun werden die verwilderten Nachfahren der Nager zunehmend zur ernsten Gefahr für Deiche, Uferbewohner und die Landwirtschaft
Dagmar Jestrzemski

Im Jahr 2009 wurde im Branitzer Park bei Cottbus ein Ausrottungsfeldzug gegen die Nutria durchgeführt. Im denkmalgeschützten Landschaftspark waren die kapitalen Nager immer mehr zu einer Plage geworden. Sie hatten das von Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871) angelegte Gartenreich an vielen Stellen untergraben und auch die Pyramiden-Grabstätte des Fürsten und seiner Ehefrau Lucie beschädigt. Die radikale Bekämpfungsaktion hatte zum Ziel, die Nutrias für immer aus dem Park zu verbannen. 

Doch das misslang gründlich. Vier Jahre später stellte ein Parkbesucher Fotos von einem Spaziergang durch den Branitzer Park in einen Internetblog, darunter auch solche von drei Nutrias. Ein Tier graste vor der Schlossterrasse und ließ sich laut Kommentar des Fotografen durch nichts stören.  

Die ursprüngliche Heimat der an Flüssen, Seen, Teichen und Sümpfen lebenden Nutria (Myocastor coypus), die auch als Biberratte oder wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Biber als Sumpfbiber bezeichnet wird, sind die gemäßigten Klimazonen Südamerikas. Dort werden die Tiere seit dem 19. Jahrhundert wegen ihres schönen Fells in riesigen Pelztierfarmen gehalten, sind aber wegen ihres schmackhaften Fleisches in freier Wildbahn fast ausgerottet worden. 

Bis zu zehn Kilogramm schwer

Über entkommene und freigesetzte Tiere aus Pelztierfarmen wurden Nutrias weltweit in vielen Ländern der gemäßigten Breiten heimisch. Die Wassernager ernähren sich überwiegend vegetarisch und leben in einem Familienverband von bis zu 15 Tieren. Jedes Paar gräbt sich eine eigene Erdhöhle. Ihre Ausbreitung entlang von kleinen und mittleren Fließgewässern hat zu regionalen und lokalen Brennpunkten des Vorkommens geführt. In Deutschland haben sich die größten Populationen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg herausgebildet. 

Die Tiere erreichen eine Körperlänge von bis zu 65 Zentimetern und bringen acht bis zehn Kilogramm auf die Waage. An Land wirken Nutrias plump wegen ihres watschelnden Ganges auf den kurzen Beinen, sind aber dank ihrer Schwimmhäute an den Hinterfüßen gute Schwimmer und Taucher. Bei Gefahr können sie an Land über kurze Strecken gut laufen und auch springen. Die Fellfarbe  schwankt von Dunkelbraun bis Silbergrau. Das Kinn ist mit weißen Haaren bedeckt. Auffällig sind die orangefarbenen, scharfen Nagezähne und der bis zu 45 Zentimetern lange, unbehaarte Schwanz, durch den sich diese Tierart von dem etwas größeren Elbbiber mit seiner breiten „Kelle“ unterscheidet. Dreimal im Jahr bringt das Weibchen sechs bis zehn Junge zur Welt. 

Die Nutria verdrängt den Bisam und mitunter auch den Biber. Während der Biber in seinem Bau lebt und das Wasser aufstaut, unterhöhlen die Nutria Dämme und Uferböschungen, die bei Hochwasser unterspülen, erodieren und die Fließfunktion des Gewässers beeinträchtigen. Dadurch wird die Standfestigkeit von Deichen beeinträchtigt. Auch landwirtschaftliche Schäden werden gemeldet, da Nutrias Feldfrüchte fressen und Weideland zerstören. Kühe können einbrechen und sich verletzen. Wo die Nager ein Terrain erobern, kommt es zum Kahlfraß der Ufervegetation, sodass der Lebensraum von Schilfbrütern und anderen Vögeln schwindet. Auch dadurch, dass die selten gewordenen Flussmuscheln ihre begehrte Eiweißnahrung sind, tragen Nutrias zur Verarmung der Artenvielfalt bei.

Obwohl die hohe Vermehrungsrate der Nutrias wie auch ihre Schadwirkung bekannt ist, wurde in einigen Bundesländern erst vor wenigen Jahren die Eindämmung der Bestände durch die Jagd offiziell erlaubt, ergänzend zum Fang mit Lebendfallen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurden die Nutrias zusammen mit den anderen Neozoen (eingewanderten und heimisch gewordenen Tierarten) bereits 2001 in die Liste der jagdbaren Tiere aufgenommen, dennoch ist Niedersachsen das Bundesland mit den höchsten Bestandszahlen. Im ebenfalls stark betroffenen Brandenburg wurde die Bejagung erst im Juli 2019 mit einer Durchführungsverordnung zum Brandenburgischen Jagdgesetz geregelt und etwas später auch der Elternschutz kassiert. 

1880 wurden in Deutschland die ersten Exemplare gesichtet. In den 1930er Jahren begann die Zucht in Pelztierfarmen. In der DDR entstanden große Nutriazuchten, und das Fleisch der Tiere wurde häufig verzehrt. Es gilt als schmackhaft, bekömmlich und cholesterinarm. Zahlreiche freigelassene Exemplare sind der Ursprung der starken Nutriapopulation in und um Leipzig. Mit Duldung der Behörden bringen einzelne Privatpersonen Fallen aus, um an das Fleisch der Tiere zu gelangen. Es soll auch auf den sogenannten Polenmärkten angeboten worden sein.  

Wie konnte es soweit kommen?

In Parkanlagen, an Teichen oder auf Golfplätzen sind die Nutrias an Spaziergänger gewöhnt. Sie werden zutraulich und lassen sich mit Gemüse füttern, betteln mitunter auch aggressiv. In einigen Bundesländern ist das Füttern verboten, offiziell aber nach wie vor nicht in Brandenburg, obwohl dort regional Nutria-Plagen entstanden sind. In Cottbus etwa drohen dennoch bei Fütterung der Nutria empfindliche Strafen. 

Im Spreewald besteht flächendeckend eine hohe Populationsdichte, was allenfalls noch ortsfremden Bootsausflüglern Freude bereitet. Besonders gravierend sind die Deichschäden durch die Nager an der Spree und der Schwarzen Elster. Dies erfordert eine beständige Schadensbeseitigung. 

Im Jagdjahr 2014/15 wurden bundesweit mehr als 19.500 Nutrias erlegt und damit zehnmal so viele wie 15 Jahre zuvor. Fast 88.200 Nutrias weist die Statistik für das Jagdjahr 2019/20 aus, 42 Prozent mehr als im Vorjahr und knapp die Hälfte davon aus Niedersachsen. Wie soll es weitergehen? Erneut ist ein Versagen des NABU zu beklagen. 

Denn wie konnte es zu der unkontrollierten Ausbreitung in immer mehr Regionen kommen, wo die Nutria den Brut- und Schutzraum für Wasservögel, Amphibien und Fische gefährdet? Offensichtlich haben die Naturschutzverbände bei einer ihrer zentralen Aufgaben versagt: den Schutz der gefährdeten einheimischen Fauna und Flora gegenüber dominanten invasiven Arten wie Waschbär, Marderhund und Nutria wahrzunehmen und die schwerfällig agierenden Behörden zum Handeln aufzufordern.