27.01.2022

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Folge 26-21 vom 02. Juli 2021 / Cancel Culture Aktivisten kämpfen gegen angeblichen Rassismus und Kolonialismus und für LGBT-Inklusion. Doch anders als in den meisten westlichen Ländern stemmt sich die Regierung Johnson gegen den neuen Kulturkampf / Die Löschkultur trifft selbst die Queen / Wie Teile der politischen Linken mittels Denkverboten und Zensur versuchen, die britische Geschichte zu tilgen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-21 vom 02. Juli 2021

Cancel Culture Aktivisten kämpfen gegen angeblichen Rassismus und Kolonialismus und für LGBT-Inklusion. Doch anders als in den meisten westlichen Ländern stemmt sich die Regierung Johnson gegen den neuen Kulturkampf
Die Löschkultur trifft selbst die Queen
Wie Teile der politischen Linken mittels Denkverboten und Zensur versuchen, die britische Geschichte zu tilgen
Claudia Hansen

Die Cancel Culture (Löschkultur) macht vor nichts und niemandem Halt, selbst nicht vor dem Staatsoberhaupt. Vor Kurzem votierten die älteren Studenten eines der renommiertesten und reichsten Oxford-Colleges dafür, eine große Fotografie von Elizabeth II. aus ihrem Versammlungsraum zu verbannen. Die Königin stehe „für manche Studenten für die koloniale Herrschaft“ und sei deshalb inakzeptabel, begründete die Versammlung des noch im Mittelalter gegründeten Balliol College die Entscheidung. „Einfach absurd“, sagte Bildungsminister Gavin Williamson zum „Canceln“ der Queen.

Angriff auf die britische Geschichte

Der Vorfall, der zur „Times“-Titelgeschichte wurde und hohe Wellen schlug, illustriert das Ausmaß und die Schärfe, die der Kulturkampf und die Cancel Culture in Großbritannien inzwischen angenommen haben. Aktivisten versuchen, mehr oder minder prominente und „umstrittene“ historische oder zeitgenössische Personen auszulöschen.

Meist trifft es Statuen – als erstes die Bronzefigur von Edward Colston, dem Unternehmer und Mäzen in Bristol, der als führendes Mitglied der Royal African Society im späten 17. Jahrhundert am Sklavenhandel beteiligt war. Im Rausch der „Black Lives Matter“-Proteste stürzte ein Mob die Colston-Statue vergangenes Jahr ins Hafenbecken von Bristol. Weitere Persönlichkeiten mit Kolonialverbindungen wurden von Aktivisten attackiert, etwa der Imperialist Cecil Rhodes in Oxford. Manchmal wird auch Sippenhaftung betrieben wie beim liberalen Premier William Gladstone, der nicht selbst, sondern dessen Vater Sklaven besaß. Die Universität Liverpool löschte den Namen „Glad-stone“ von einem Studentenheim. Auch Kunstwerken wie dem großen Wandgemälde aus den 1920ern im Restaurant der Tate Gallery in London, das in einer Ecke eine winzige schwarze Person in Ketten zeigt, droht die ewige Verdammnis; der Raum wurde versiegelt.

Vergangenen Sommer beschmierten Protestler das Podest der Winston-Churchill-Statue vor dem Parlament mit den Worten „… war ein Rassist“. Da hörte für Premierminister Boris Johnson, der ein großer Bewunderer des Kriegspremiers ist, der Spaß auf. 

Die Regierung Johnson hat beschlossen, sich der Cancel-Culture-Bewegung entgegenzustellen. „Wir werden nicht erlauben, dass die britische Geschichte gecancelt wird“, schrieb Kulturminister Oliver Dowden in einem Gastbeitrag im konservativen „Telegraph“. Er wolle keinen „maoistischen“ Ansatz (Maos Kulturrevolution wollte alles Alte auslöschen). Die Museen und Kultureinrichtungen, die vom Staat Geld erhalten, sollten, so Dowdens Ansicht, nicht von einer linksliberalen „Metropolen-Blase“ gesteuert werden.

Widerstand seitens der Regierung

Bildungsminister Gavin Williamson hat den lautstarken „progressiven“ Zensoren und Cancel-Culture-Aktivsten an den Universitäten den Kampf angesagt. Werden eingeladene Redner aufgrund von Protesten ausgeladen, sollen sie künftig auf Schadenersatz klagen können. Die Liste der verhinderten Vorträge ist inzwischen lang. Darauf stehen erstaunlich viele Feministinnen, die quer zu den Transgender-Dogmen stehen, wonach das biologische Geschlecht praktisch gar nicht existiere oder irrelevant sei.

Im Parlament fällt die „Gleichheitsministerin“ Kemi Badenoch immer wieder mit scharfem Widerspruch gegen die linken „Progressiven“ auf. Badenoch, die in Nigeria aufwuchs, hat sich dem Kampf gegen den neulinken, anti-weißen Neo-Rassismus verschrieben, der im Gewand der „Critical Race Theory“ daherkommt. Nach dieser Theorie sind alle Weißen das Produkt einer rassistischen Gesellschaft und fast schon genetisch Rassisten und somit schuldig, während die Schwarzen einen angeborenen Opferbonus erhalten.

Seit „Black Lives Matter“ ist auch das Gerede von „Weißen Privilegien“ lauter geworden. Auch an Schulen wird die These vom „White Privilege“ inzwischen gelehrt. Dabei ist es undifferenziert und vernebelt tatsächliche soziale Spaltungen in der britischen Gesellschaft. Ganz unten sind nämlich nicht nur die Schwarzen oder ethnischen Minderheiten, sondern in Teilen des Landes ist eine sozial abgehängte weiße Arbeiter- und Unterschicht entstanden, der es schlechter als den Zugewanderten geht. Ein vor zwei Wochen publizierter Bericht des Bildungsausschusses des Unterhauses zeigte etwa, dass es Kinder dieser weißen Unterschicht nur sehr selten (und seltener als Schwarze) auf die Universität schaffen. „Was diese weißen Kinder erleben, ist das genaue Gegenteil von Privilegien“, sagte der Ausschussvorsitzende Robert Halfon. Sofort folgte ein Aufschrei linker und schwarzer Aktivisten, die ihm einen „Culture War“, Rassismus und Spaltung der Gesellschaft unterstellten.

Verliert die Linke den Kulturkampf?

Dabei ist die Johnson-Regierung bemerkenswert wach und entschlossen, keine Verdrehung der Verhältnisse zuzulassen. Jedem nicht voreingenommenen Beobachter ist klar, dass die Linke den Kulturkampf begonnen hat. Dazu gehört nicht nur der Kampf gegen die Vergangenheit des Landes, sondern auch der zunehmend bizarre Geschlechterkrieg der LGBT-Bewegung (Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle).

Nun gibt es in der Linken allerdings Sorgen, dass sie den Kulturkrieg verlieren könnten, weil die schrillen „progressiven“ Aktivisten in der breiten Mitte der Gesellschaft wenig Begeisterung erzeugen. Bei den Wahlen haben die Konservativen in alten Industrieregionen gewonnen, Labour wird praktisch nur noch von jungen urbanen Milieus gewählt.