17.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Folge 27-21 vom 09. Juli 2021 / Jugend / Mit der Geduld am Ende / Unsinnig drangsaliert, einem unfähigen Staat ausgesetzt: Die Corona-Politik bringt junge Menschen auf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-21 vom 09. Juli 2021

Jugend
Mit der Geduld am Ende
Unsinnig drangsaliert, einem unfähigen Staat ausgesetzt: Die Corona-Politik bringt junge Menschen auf
Norman Hanert

Als im Frühjahr über Ausgangssperren diskutiert wurde, appellierten Aerosol-Forscher in einem offenen Brief eindringlich an die Politik, die Corona-Regeln auf der Grundlage des wissenschaftlichen Erkenntnisstands aufzustellen. Es herrsche Konsens, dass die Übertragung der SARS-CoV-2-Viren fast ausnahmslos in Innenräumen stattfindet, so die Wissenschaftler. Ausdrücklich bezeichneten die Forscher Verbote, sich in Parks zu treffen, im Kampf gegen die Pandemie als nicht zielführend und sogar als kontraproduktiv.

In der deutschen Hauptstadt zeigt sich nun, wie wenig der Appell der Wissenschaftler  gefruchtet hat. In Berlin ist die Sieben-Tage-Inzidenz wie überall im Bundesschnitt mittlerweile bis in den einstelligen Bereich gefallen. Dennoch war am letzten Juni-Wochenende in mehreren Berliner Parks Polizei im Einsatz, um Corona-Regeln durchzusetzen. Anlass waren jeweils große Gruppen junger Menschen, die in der Nacht zu Sonntag in den Grünanlagen gefeiert hatten.

Bei der Räumung der größten Ansammlung in der Berliner Hasenheide kam sogar ein Polizei-Hubschrauber zum Einsatz. Eine Polizeisprecherin sagte, es habe in der Hasenheide nachts drei größere Bereiche voller Menschen gegeben. Dort seien Musikanlagen betrieben worden, welche die Polizei beschlagnahmt hat. Zudem haben die Beamten die Flächen wegen der Corona-Einschränkungen geräumt, so die Sprecherin. In Berlin-Mitte räumte die Polizei in derselben Nacht den kleinen James-Simon-Park gegenüber der Museumsinsel.

Noch mehr Schikanen?

Nach mehr als einem Jahr Pandemie-Zwangsbeschränkungen und mit den steigenden sommerlichen Temperaturen treibt es überall die Menschen zum Feiern in die Parks. Begleitet wird der Drang ins Grüne von Klagen der Anwohner über Lärm und Müll sowie von Ermahnungen der Politik, die „Corona-Regeln“ einzuhalten.

Mit Blick auf die Park-Partys wird inzwischen in Berlin darüber diskutiert, die Grünfläche nachts durch Zäune abzusperren. Der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber forderte etwa, den James-Simon-Park dauerhaft einzuzäunen und ab 22 Uhr abzusperren. Auch Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagte, ab einer bestimmten Uhrzeit kämen Zäune und Zugangskontrollen in Frage. Zugleich mahnte der GdP-Sprecher aber auch von der Bezirkspolitik alternative Angebote für Jugendliche an. Jendro mahnte, man habe es im vergangenen Jahr versäumt, Konzepte zu entwickeln, und es auch dieses Jahr wieder nicht geschafft. 

Tatsächlich haben sich der Senat und die meisten Bezirke bislang schwergetan, den Jugendlichen Angebote zu machen. Der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel (SPD), wirbt inzwischen dafür, das riesige Vorfeld des früheren Tempelhofer Flughafens für Partys zu öffnen. Aus Sicht Hikels sind organisierte Partys in einem Bereich wie dem Tempelhofer Feld besser, als dass Feiernde Grünanlagen wie in der Hasenheide nutzen und dort Lärm und Müll verursachen.

Eine Studie von Jugendforschern, die im Juni veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass in der Durchsetzung fragwürdiger Corona-Regelungen eine erhebliche gesellschaftliche Brisanz steckt. Im Rahmen der Studienreihe „Junge Deutsche“ haben Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann eine Sonderstudie „Jugend und Corona in Deutschland“ verfasst. Für die Studie hatten die beiden Jugendforscher eine repräsentativ ausgewählte Gruppe von 14- bis 29-Jährigen befragen lassen. 

Ein Gefühl großer Ungerechtigkeit

Herausgekommen ist ein alarmierender Befund: Nach monatelangen Pandemie-Beschränkungen sind viele Jugendliche mit ihrer Geduld am Ende. Etwa die Hälfte der im Mai befragten Studienteilnehmer berichtete vom Gefühl, die Gestaltung des eigenen Lebens nicht mehr selbst in der Hand zu haben. 

Erlebt hatten viele Jugendliche zudem einen Staat, der während der Pandemie-Zwangspause nicht in der Lage war, geeignete Strukturen für einen Digitalunterricht an Schulen und Hochschulen aufzubauen. Skeptisch bewerteten Jugendliche auch die bisherige Rangfolge beim Impfen: „Sie sehen mit großer Irritation, dass ältere Bevölkerungsgruppen ihr Alltagsleben bereits wieder normal gestalten können und empfinden die Rechte für Geimpfte als große Ungerechtigkeit, solange sie kein Impfangebot bekommen haben“, so der Co-Studienautor Klaus Hurrelmann im Juni. 

Aus Sicht der Jugendforscher benötigt die Jugend „jetzt ein deutliches Signal, dass ihre schwierige Situation politisch beachtet wird.“ Ansonsten sei mit Protesten und politischer Unzufriedenheit zu rechnen.