27.01.2022

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Folge 27-21 vom 09. Juli 2021 / Beate Uhse / Die Pilotin und der Sex-Shop / Vor 20 Jahren starb die gebürtige Ostpreußin, deren großer Traum das Fliegen gewesen ist

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-21 vom 09. Juli 2021

Beate Uhse
Die Pilotin und der Sex-Shop
Vor 20 Jahren starb die gebürtige Ostpreußin, deren großer Traum das Fliegen gewesen ist
Wolfgang Kaufmann

Beate Rotermund-Uhse, die am 16. Juli 2001 im schweizerischen St. Gallen an einer Lungenentzündung starb, gehörte zu den bekanntesten deutschen Unternehmerinnen. Sie gründete 1951 das Versandhaus Beate Uhse, das Kondome und Bücher zum Thema „Ehehygiene“ vertrieb und zehn Jahre später bereits fünf Millionen Kunden hatte. 1962 wiederum eröffnete die gebürtige Ostpreußin dann in Flensburg den ersten Sex-Shop der Welt. Ab 1999 war die seit 1981 existierende Beate Uhse AG schließlich sogar börsennotiert. Jedoch stürzte der Aktienkurs in der Folgezeit um bis zu 99,9 Prozent ab. Verantwortlich hierfür war vor allem die übermächtige Konkurrenz im Internet: Die Bedeutung des Online-Handels erkannte Beate Uhse erst zu spät.

Die mittlerweile legendäre Erotik-Händlerin kam am 25. Oktober 1919 im Gutsdorf Wargenau bei Cranz als drittes Kind des Landwirtes Otto Köstlin und der Ärztin Margarete Köstlin-Räntsch zur Welt. In ihrem Elternhaus wurde für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich offen über das Thema Sexualität gesprochen. Allerdings richtete sich das Interesse der jungen Beate Köstlin zunächst auf etwas ganz anderes, nämlich das Fliegen. Nach dem epochalen Nonstop-Flug des US-Amerikaners Charles Lindbergh von New York nach Paris im Mai 1927 gab es für sie nur noch einen Berufswunsch: Pilotin. Dennoch ging die Ostpreußin nach dem Schulabschluss zunächst für acht Monate als Au-Pair-Mädchen nach Birmingham, um ihr Englisch zu perfektionieren. Aber danach war es endlich soweit. Weil Beate Köstlins Vater den Motorflug-Referenten des Deutschen Aero-Clubs kannte, ermöglichte er seiner Tochter eine Fliegerausbildung. Die erste Flugstunde fand am 7. August 1937 in Rangsdorf bei Berlin statt. Und nur drei Wochen später saß die Elevin dann bereits allein im Cockpit ihres Schuldoppeldeckers Heinkel He 72 „Kadett“. Dem folgte am 25. Oktober 1937 die Überreichung des Flugzeugführerscheins.

Anschließend absolvierte Beate Köstlin ein Praktikum beim Flugzeughersteller Bücker und erlernte nebenher nun auch den Kunstflug. Ihr Ausbilder war dabei Hans-Jürgen Uhse, den sie am 28. September 1939 heiratete. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete die 19-Jährige als Werkspilotin bei Bücker und testete neue oder reparierte Maschinen – für ein damals exorbitantes Gehalt von 1500 Mark im Monat. Dazu kam die Mitwirkung an einigen Spielfilmen wie „Achtung! Feind hört mit!“ und „D III 88“. Im April 1942 wechselte Beate Uhse zum Flugzeugreparaturwerk Alfred Friedrich in Strausberg und übernahm dort vor allem Überführungsflüge von Maschinen der Luftwaffe. Diese Tätigkeit musste sie jedoch alsbald wegen einer Schwangerschaft beziehungsweise der Geburt ihres Sohnes Klaus unterbrechen. 

Danach saß die junge Pilotin wieder im Cockpit und überführte Sturzkampfbomber Junkers Ju 87, zweimotorige Zerstörer vom Typ Messerschmitt Bf 110 sowie Jagdflugzeuge wie die Messerschmitt Bf 109 und die Focke-Wulf Fw 190 von Berlin-Tempelhof zu den Stützpunkten der Luftwaffe. Dabei wurde sie mehrmals von alliierten Maschinen angegriffen und beschossen, konnte aber wegen ihres fliegerischen Könnens jedes Mal entkommen. Weniger Glück hatte Ehemann Hans-Jürgen: Der starb am 29. Mai 1944 während eines Alarmstarts zur Abwehr von US-Bombern, die im Anflug auf Braunschweig waren. Seine Maschine kollidierte mit einer anderen, wodurch sich Hans-Jürgen Uhse das Genick brach.

Am 1. Oktober 1944 trat die 24-jährige Witwe Beate Uhse in das Überführungsgeschwader 1 der Luftwaffe mit Sitz in Staaken ein. In der Zeit darauf brachte sie im Range eines Hauptmanns Maschinen jeglichen Typs an die Front, darunter auch den düsengetriebenen Jagdbomber Messerschmitt Me 262 – eine der vermeintlichen „Wunderwaffen“ des Dritten Reiches. Dabei konnte sie im Januar 1945 bei ihren Eltern in Wargenau vorbeischauen. Diese lehnten es trotz aller Bitten der Tochter ab, ihr Gut zu verlassen und wurden dann später von Soldaten der Roten Armee ermordet. Beate Uhse hingegen gelang es Ende April 1945, vor den Russen nach Norddeutschland zu flüchten. Dazu benutzte sie eine zivile Siebel Fh 104 „Hallore“. Mit an Bord waren Sohn Klaus, dessen Kindermädchen Hanna Roch, zwei verwundete Soldaten und der Mechaniker der Maschine. Wenige Tage später geriet die Pilotin in britische Kriegsgefangenschaft.

Nach ihrer Entlassung ging Beate Uhse nach Flensburg und schlug sich zunächst mit Rübenhacken, Torfstechen und Englischunterricht durch. Zwischendurch versuchte sie ihr in Rangsdorf zurückgebliebenes Eigentum zu retten – allerdings vergeblich. Stattdessen wurde Beate Uhse während des Abstechers in die Sowjetische Besatzungszone Opfer einer Vergewaltigung durch russische Soldaten. 1946 verfasste sie schließlich ihre erste eigene Aufklärungs-Broschüre namens „Schrift X“ über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode, welche sich immerhin etwa 32.000 mal verkaufte. Das verschaffte Beate Uhse, die am 15. November 1949 den Kaufmann Ernst-Walter Rotermund heiratete, das Startkapital für den Aufbau ihres später so stark expandierenden Versandhauses.