18.01.2022

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Folge 28-21 vom 16. Juli 2021 / Spionage / Weil er zu viel wusste / Dirk Koch wertet in „Der Schützling“ Dokumente über den MfS-Mitarbeiter Adolf Kanter aus und deckt die Verstrickungen führender Politiker auf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-21 vom 16. Juli 2021

Spionage
Weil er zu viel wusste
Dirk Koch wertet in „Der Schützling“ Dokumente über den MfS-Mitarbeiter Adolf Kanter aus und deckt die Verstrickungen führender Politiker auf
F.-W. Schlomann

Adolf Kanter war für das westdeutsche Politikmilieu dessen erfolgreichster Stasi-Mitarbeiter. Seine Akte beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zählte 14.400 Blatt. Der Autor Dirk Koch zählt ihn „zu den mächtigsten Wissenden in Bonn“. Wahrscheinlich traf er schon 1946 in diskutierfreudigen Zirkeln auf den späteren Kanzler Helmut Kohl, in dem er seine politische Zukunft sah. Angesichts der damaligen Europa-Begeisterung sammelte Kanter für die von ihm aufgebauten, als gemeinnützig anerkannten Europa-Organisationen Spenden, die indes zweckentfremdet wurden. Bald erhielt er einen hohen Posten bei der Bonner Stabsstelle des Flick-Konzerns, wo er jahrelang Mitwisser war von illegalen Spendenmillionen an Politiker, die durch diese Zahlungen für Anliegen der Industrie allzu oft gefügig gemacht wurden. 

Anhand vieler Dokumente erfährt der Leser, dass sie alle das Geld annahmen, sogar zwei Bundespräsidenten, auch Willy Brandt und Egon Bahr. Kohl erhielt von Kanter Millionenbeträge, mit deren Hilfe er die alte CDU-Garde stürzte und der Weg für seine Karriere frei war. Nicht ohne Grund hatte Kanter später jederzeit Eintritt ins Bundeskanzleramt. Wolfgang Schäuble wusste von diesen Gesetzesverstößen und drängte 1989 wohl deshalb so sehr auf die Vernichtung aller Stasi-Akten. 

Die Käuflichkeit bundesdeutscher Politiker machte sie zugleich erpressbar, auch vonseiten der DDR: Der Autor glaubt, dass der Milliarden-Kredit von Strauß und Kohl auf „gewisse Andeutungen“ Ost-Berlins erfolgt sei: Das MfS, stets und schnell von Kanter informiert, interessierte sich für den Einfluss der Industrie auf die Politiker und deren Verhalten. Der Spion hätte zehn Jahre früher verurteilt werden können, doch auf höchste Anweisungen aus dem Bundeskanzleramt wurden alle Untersuchungen gestoppt – Kanter wusste zu viel. 

Westdeutsche Politiker waren bereit, ihre Macht zu missbrauchen, um sich und ihre Spenden-Geber vor Strafe zu schützen, indem sie ihre höchst illegalen Geldgeschäfte im Nachhinein durch eine General-amnestie in Form eines Bundestagsbeschlusses straffrei stellten. Für den Flick-Konzern, der mindestens 26 Millionen an Politiker gegeben hatte, war dies eine Steuerersparnis von knapp einer Milliarde D-Mark. Dass damit unsere Verfassung gebrochen sowie die Werte und Ideale unserer Demokratie missachtet wurden, inte-ressierte nicht. Kanter wurde zu einer lächerlich geringen Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Zweifellos stand der Richter dabei unter politischem Druck. 

Dirk Koch: „Der Schützling. Der Stasi-Agent Adolf Kanter, Helmut Kohl und die größte Spionage-Affäre der Bundesrepublik“, Dietz-Verlag, Bonn, 2021, 246 Seiten, broschiert, 24 Euro