28.01.2022

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Folge 29-21 vom 23. Juli 2021 / Weder Fisch noch Fleisch / Das Humboldt-Forum im wiedererrichteten Berliner Schloss ist endlich eröffnet worden – Drinnen wird der Besucher von einer wirren Ausstellungsflut überrollt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-21 vom 23. Juli 2021

Weder Fisch noch Fleisch
Das Humboldt-Forum im wiedererrichteten Berliner Schloss ist endlich eröffnet worden – Drinnen wird der Besucher von einer wirren Ausstellungsflut überrollt
Silvia Friedrich

Wer aus dem neuen, schönsten U-Bahnhof Berlins, „Museumsinsel“, unter einer Art blauem Sternenzelt mit über 6000 Lichtpunkten wieder ans Tageslicht tritt, wähnt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Direkt vor dem gewaltigen Eosander-Portal des Gebäudes mit kupferner Kuppel betreten Besucher den Schlossplatz. Die dreiseitige barocke Fassade des Humboldt-Forums wirkt optisch überwältigend. Wer immer den kargen DDR-Aufmarschplatz mit dem Palast der Republik kannte, ist froh über diesen Anblick.

Doch dass es sich nur um eine Illusion handelt, wird sofort deutlich, wenn man das Foyer betritt. Ein Saal aus Betonstelen, darin ein visueller Gigant, 25 Meter hoch, Kosmograf genannt. Dieser bietet elektronisch Informationen zu aktuellen Aktionen im Humboldt-Forum.

Wer sich beim Ankommen noch von der rekonstruierten Fassade hat blenden lassen, wird im Inneren herbe enttäuscht: Barocke Pracht, die über Jahrhunderte das Stadtbild prägte, wurde durch Innenräume abgelöst, die zuweilen an Betongebäude der Gegenwart erinnern. Beinahe mit Gewalt soll hier den Besuchern verdeutlicht werden, dass es sich nicht um einen Schlossbau in Anlehnung an preußische Herrlichkeit handelt, sondern um einen Zweckbau mit zufällig barocker Umhüllung.

Dass auf der Lustgartenseite eine Bepflanzung erfolgte in Erinnerung an historische Terrassen, ist zu begrüßen. Doch war es nötig, dem nun eigentlich wieder komplettierten Anblick direkt vor der Fassade in weißen Plastikbuchstaben „Humboldt-Forum“ in den Garten zu setzen? So, als ob man immer wieder gesagt bekommen muss, um was es sich hier eigentlich handelt?

Sechs Ausstellungen auf einmal

Drei Kernthemen soll im Zuge der Zeit Rechnung getragen werden: der Geschichte und Architektur des Ortes, den Brüdern Humboldt und der kontrovers geführten Kolonialismusdebatte. Dazu zählen gleich sechs Premieren-Ausstellungen sowie die Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes. In einem Raum wird eine 20 Meter lange Panoramawand gezeigt, auf der die Geschichte des Areals von der Siedlung im Mittelalter bis heute präsentiert wird. Der Schlosskeller bietet Einblicke in die Vergangenheit mit erhaltenen Mauern der Kellerräume und Fundstücken.

Der Schlüterhof, benannt nach dem aus Danzig stammenden Schlossbaumeister Andreas Schlüter, erinnert mit drei barocken Seiten an eine römische Piazza. Die vom italienischen Architekten Franco Stella „angeklatschte“ vierte Betonwand, erschreckt eher. Dahinter befindet sich auch der Skulpturensaal, der ebenfalls zur Ausstellung der Ortsgeschichte zählt und genau dort errichtet wurde, wo sich dereinst im alten Berliner Schloss das Große Treppenhaus erhob. Zu sehen sind erhaltene Fragmente des Schlosses verschiedener Jahrhunderte, die teilweise zum barocken Fassadenschmuck gehörten und als Vorbild für die Nachbildungen dienten.

Einen Einblick in die Arbeit der Schlossbauhütte zeigt ein Film im Nebenraum. Immer wieder fällt ein wirres Hin und Her zwischen Alt und Neu, zwischen Historie und Heutigem auf, das einen sehr unsteten Eindruck erzeugt.

Im gesamten Gebäudekomplex verteilt sind 35 historische Spuren, wie zum Beispiel eine originale Anzeigentafel aus dem Palast der Republik. Es scheint den Museumsleuten wichtig gewesen zu sein, dieses asbestverseuchte Konstrukt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Im Treppenhaus hinter dem Foyer gibt es die als „Einblicke“ betitelte Schau, die das Leben der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt beleuchtet. Forschungen und Studien der beiden sind hier zu bestaunen. Jedoch wirkt es ein wenig gequetscht und der beiden Persönlichkeiten unwürdig.

„Berlin-Global“ im ersten Obergeschoss ist auf 4000 Quadratmetern eine umfangreich Schau. Themen, wie Krieg, Mode, Revolution sind ohne Chronologie zusammengepackt. Die Objekte sind interessant, doch wirken harte Brüche wie Discomusik neben Themen der Verfolgung eher unangebracht.

Auf Distanz zu Preußen

Die Ausstellung „Nach der Natur“ im Humboldt-Labor unterstreicht Alexanders von Humboldts Zitat „Alles ist Wechselwirkung“ und empfängt mit einer modernen Wunderkammer die Gäste. Hier stehen alte Laborfläschchen neben Skeletten von Wirbeltieren, eine Gorilla-Hand neben Computern der letzten Jahrzehnte. Eine Ausstellungsmitarbeiterin erklärt, es ginge nicht um Einzelobjekte, sondern um die Frage der Relation, ganz im Sinne Humboldts.

Wechselnde Sonderausstellungen im Erdgeschoss starten mit „schrecklich schön – Elefant. Mensch. Elfenbein“, einer Schau zur Ausbeutung der Natur. Alle Sinne ansprechend werden dem Betrachter die Schönheit des ausgestellten Elfenbeins geboten, nur um sogleich mit den damit verbundenen kolonialen Schreckensszenarien unvermeidlich wie ein unmündiger Bürger belehrt zu werden.

„Die Ausstellungen im zweiten und dritten Obergeschoss mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin werden am 22. September und ein halbes Jahr später dem Publikum zugänglich sein“, sagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, „bis Anfang 2022 wollen wir wissen, welche Teile zurückgehen.“ Dabei geht es auch um die Restitution der von den Briten ab 1905 erworbenen Benin-Bronzen, die restituiert werden sollen. Bis dahin sollen sie von der zweiten Eröffnungsphase an, dem zweiten Quartal 2022, gezeigt werden.

Alles in allem wirkt das Humboldt-Forum wie eine Ansammlung von konzeptlosen Ideen und Vorhaben. Es wird ausgestellt, will aber kein Museum sein, es wird Historie gezeigt, distanziert sich aber von dieser, es werden Ausstellungen zusammengewürfelt und den Besuchern präsentiert, von denen sicher einige Fragezeichen auf der Stirn haben: „Was soll das eigentlich alles zusammen sein?“

In dem politisch motivierten eifrigen Bemühen, auf keinen Fall altes Preußentum wieder zum Leben zu erwecken, ist mit dem Forum nun etwas Gewaltiges entstanden, das auf den ersten Blick weder Fisch noch Fleisch zu sein scheint. Dennoch werden Touristen, welche die Stadt und das Humboldt-Forum besuchen und das neue Areal vom Schlosskeller bis zum Dachgeschoss einschließlich Kuppel auf sich wirken lassen, es möglicherweise als bedeutendstes Ausnahme-Erlebnis mit nach Hause nehmen.

Geöffnet täglich außer dienstags. Zeitfensterkarten für die sechs zeitgleichen Ausstellungen sind die ersten 100 Tage kostenfrei und vier Wochen im Voraus buchbar unter: www.humboldtforum.org




Langzeitdoku auf DVD

Zur Eröffnung ist die zweiteilige DVD-Box „Das Humboldt Forum – Ein Jahrhundertprojekt“ erschienen. Sie präsentiert sechs Beiträge der ZDF-Redakteurin Carola Wedel, welche die Entwicklung des Humboldt-Forums skizzieren. Die Filme werden durch ZDF- und 3sat-Beiträge aus 13 Jahren über die Entstehung des Berliner Schlosses ergänzt. Das DVD-Paket bietet Einblicke hinter die Schlosskulissen und stellt ein Stück Zeitgeschichte dar. Die DVDs haben eine Laufzeit von 240 Minuten und sind bei Studio Hamburg Enterprises erhältlich.