28.01.2022

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Folge 29-21 vom 23. Juli 2021 / Östlich von Oder und Neiße / Jüngste Geschichte einer facettenreichen Region / Das Deutsche Polen-Institut widmet sein diesjähriges Jahrbuch der Volksabstimmung 1921 in Oberschlesien

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-21 vom 23. Juli 2021

Östlich von Oder und Neiße
Jüngste Geschichte einer facettenreichen Region
Das Deutsche Polen-Institut widmet sein diesjähriges Jahrbuch der Volksabstimmung 1921 in Oberschlesien
Karlheinz Lau

Das Thema des diesjährigen Jahrbuches ist bedeutsam für die gemeinsame Geschichte, es thematisiert unterschiedliche Reaktionen in Deutschland und Polen. 1921, also vor hundert Jahren, stimmten in Oberschlesien die Menschen über ihre Zugehörigkeit zu Deutschland oder zu Polen ab. 59,4 Prozent waren für einen Verbleib bei Deutschland, 40,4 Prozent für eine Zugehörigkeit zu Polen. Begleitet wurde diese Abstimmung durch blutige Auseinandersetzungen, ein Höhepunkt war die Schlacht am St. Annaberg im Mai 1921. Die Sieger des Ersten Weltkrieges missachteten das Ergebnis der Abstimmung, sie teilten Oberschlesien in einen deutschen und einen polnischen Teil. In diesem lag das Herz der Schwerindustrie und des Bergbaus. Das war ein klarer Bruch des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das die Alliierten selbst zur Maxime ihrer Politik erklärten; offensichtlich galt dies nicht für die Unterlegenen.

Authentische Schilderungen

Nicht die Erinnerung an diese Ereignisse, die in Polen überwiegend als Erfolg verbucht werden, war die Begründung für das Thema dieses Jahrbuches, sondern das heutige Oberschlesien als eine in den polnischen Staat voll integrierte, aber schwierige, facettenreiche Region. Über 23 vorwiegend polnische Autorinnen und Autoren zeichnen aus eigener Erfahrung und Erinnerung sehr authentische Bilder von der Geschichte, Kultur, Wirtschaft, Bevölkerung Oberschlesiens. Es sind vorwiegend Historiker, Geografen, Pädagogen, Soziologen und Journalisten, in Deutschland in der Regel nicht bekannt, mit Ausnahme von Bernard Gaida, dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG). Sein Beitrag umfasst bescheidene sechs Seiten, ist allerdings für uns Deutsche von besonderem Interesse, weil sich Gaida als Anwalt deutscher Oberschlesier sieht. Diese wurden vor und nach der politischen Wende zu Zehntausenden nach Deutschland ausgewiesen oder sind ausgewandert. Die Frage nach einer Rückkehr von Teilen dieser Menschen sieht er eher skeptisch angesichts der politischen Strategien der gegenwärtigen polnischen Regierung. Dieser Beitrag wird mit Sicherheit zu Diskussionen führen, zumal im Anhang die Stimmen einiger junger Deutscher zu Wort kommen, deren Eltern aus Oberschlesien ausgesiedelt wurden. Auch die Porträts von Oberschlesiern in Deutschland zeigen durchaus unterschiedliche Einstellungen. In diesem Zusammenhang stehen auch die Aussagen und Einschätzungen weiterer Autoren zu Sprachproblemen, zur eindeutigen Kennzeichnung – Pole oder Oberschlesier oder Deutscher –, weil Sprache zur Identifizierung mit der Region, dem Land und der Nation führen kann. Da bietet Oberschlesien ein buntes Bild, man spricht vom Schmelztiegel oder einer multikulturellen Gesellschaft.

Um diese Entwicklungen zu verstehen, ist der Rückgriff auf die Geschichte notwendig. Einige Autoren thematisieren diesen Gesichtspunkt. Der Bogen spannt sich von den Zeiten der Teilungen ab 1772  über das Wiedererstehen eines souveränen Staates mit den bekannten Auseinandersetzungen um Oberschlesien, den tiefen Einschnitt durch die nationalsozialistische Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsordnung eines geteilten Europas bis zur politischen Wende 1989. Es waren Zeiten extrem starker Polarisierungen zwischen Deutschen und Polen, in denen gerade die Sprecher der deutschen Heimatvertriebenen zu Hassfiguren wurden.

Blick nach Warschau

Im 20. Jahrhundert entstand die bis heute aktive schlesische Autonomie-Bewegung mit Forderungen nach größerer politischer Unabhängigkeit; es wird spannend sein, wie sich diese Bewegungen in Zukunft entwickeln. Nach Meinung einzelner Autoren ist dies eine Kritik an der Zentrale in Warschau, die auch in anderen Teilen Polens zu beobachten ist. Ein Punkt wird immer wieder deutlich: Reisemöglichkeiten von und in die Bundesrepublik Deutschland sind von existenzieller Bedeutung für den Oberschlesier.

Die Geschichtsdarstellungen vermitteln die polnische Sichtweise mit häufig unterschiedlichen Interpretationen, etwa in der Einschätzung der führenden politischen Parteien. Eine überlebenswichtige Aufgabe für den wiedererstandenen polnischen Staat nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Zusammenführung des russischen, österreichischen und preußischen Teilungsgebietes. Die Sprachprobleme in der Region während der Zwischenkriegszeit, während der NS-Herrschaft, nach 1945 und in der Gegenwart werden beleuchtet, ebenso das ambivalente Verhältnis zu den polnischen Juden, die polnische Sicht der Kämpfe um Oberschlesien mit Interpretation von damals aktuellen Plakaten. Die Schrecken der nationalsozialistischen Terrorherrschaft bestimmen bis heute das Bewusstsein der meisten Polen aller Generationen. Die Instrumentalisierung der deutschen Gefahr wird gerade von der jetzigen Regierung eingesetzt. Es ist insgesamt ein vielschichtiges Bild von Oberschlesien in der Gegenwart, von der Identität seiner Menschen, seinem Verhältnis zum Zentralstaat der PIS-Regierung und zu den Kontakten mit dem vereinigten Deutschland.

Rolle der Vertriebenen fehlt

Erstaunlich ist für einen deutschen Rezensenten, dass bis auf geringe Ausnahmen die Rolle der deutschen Heimatvertriebenen als Brückenbauer – nicht nur nach Oberschlesien – nicht erwähnt wird. Sie sind und waren bereits vor der Wende die Bevölkerungsgruppe in Deutschland mit den engsten Kontakten nach Polen. Offensichtlich herrscht bei polnischen Eliten nach wie vor ein rückwärtsgewandtes Bild von diesen „Revanchisten“. Hier wird eine Information im gerade eröffneten Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin empfohlen. Einleitend wird von Kenntnisdefiziten der Deutschen über Polen gesprochen, das ist im Prinzip nicht verkehrt. Deshalb tragen alle Beiträge dazu bei, den Blick zum östlichen Nachbarn zu schärfen; hieraus ergibt sich der pädagogische Impetus, alle Möglichkeiten einer Darstellung auszuschöpfen. Das geschieht aber nicht.

Es ist bei einem so vielschichtigen Thema wie Oberschlesien unfassbar, dass die Darstellungen nicht durch thematische Karten ergänzt werden. Diese Lücke erschwert das Verstehen der geschichtlichen und geografischen Darstellungen und wird auch durch eindrucksvolle Fotos nicht ersetzt.

Einer der Autoren arbeitet am „Deutsch-Polnischen Geschichtsbuch“ mit, er hätte das wissen müssen. Das ist zu bedauern, zumal die polnische Seite dem Jahrbuch offensichtlich hohe Bedeutung zumisst. Am 24. Juni veranstaltete das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt eine Online-Diskussion zum Thema Oberschlesien.


Empfangskomitee: Am 5. Mai 1920 rief Kurt Urbanek öffentlich zur Bildung eines Deutschen Plebiszitkommissariats auf. Die Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkommission leitete der Franzose Henri Le Rond. Seine Stellvertreter waren der Italiener Alberto De Marinis und der Brite Harold Percival, später abgelöst von Harold A. StuartFoto: akg images


Deutsches Polen-Institut (Hg.): „Jahrbuch Polen 2021 Oberschlesien“, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2021, gebunden, 294 Seiten, 15 Euro