28.01.2022

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Folge 29-21 vom 23. Juli 2021 / Gesellschaftskritik / Sorge um die politische Kultur / Der Publizist Reinhard Mohr setzt sich mit extremistischen Tendenzen von Links und Rechts auseinander

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-21 vom 23. Juli 2021

Gesellschaftskritik
Sorge um die politische Kultur
Der Publizist Reinhard Mohr setzt sich mit extremistischen Tendenzen von Links und Rechts auseinander
Klaus Schroeder

Der Publizist Reinhard Mohr sorgt sich – aus gutem Grund – um die politische Kultur in Deutschland. Die öffentlichen Debatten in den Medien und den sogenannten sozialen Netzwerken beherrschen linke, rechte und islamische Extremisten. Die klassische bürgerliche Mitte bleibt intellektuell konturenlos. Woran dies liegt, will der Autor ergründen.

Das erste Kapitel zeichnet eine knappe Skizze des deutschen Selbstbildes, das sich seit den 1970er Jahren stark gewandelt habe. Selbsternannte Antifaschisten zeichnen ein von Nazis beherrschtes Land, behaupten einen Rechtsruck, den sie empirisch nicht belegen können, und äußern ihren Hass auf Deutschland. Auf einschlägigen Demonstrationen brüllen Linke: „Deutschland verrecke!“ oder „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“. Die schwarz-rot-goldene Trikolore, realiter die Fahne der deutschen Demokratiebewegung seit 1832, deklarieren sie zu einem Nazi-Symbol. Wenn es gegen „rechts“ geht, demonstrieren gewaltbereite Linksextremisten mit grünen und jungsozialistischen Jugendlichen in einer Front. Eine prinzipielle Distanzierung von linker Gewalt fällt nicht wenigen aus diesen Milieus schwer.

Rechtsaußen, wo die „Deutschland-über-alles-Fraktion“ dominiert, übt Kritik an der angeblichen deutschen Selbsterniedrigung und strebt ein Reset zu alten Verhältnissen an. Einen Neustart im Sinne der Überwindung der gesellschaftlichen Verhältnisse will auch Linksaußen herbeiführen, wenngleich mit anderem Ziel. Die Verteidigung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung durch die Mitte fällt dagegen blass aus. Das auf einer pluralen Demokratie, der sozialen Marktwirtschaft und einem ausgebauten Sozialstaat basierende deutsche Erfolgsmodell ist offenbar auch Teilen der Mitte nicht mehr geläufig beziehungsweise sie schämen sich für ihre eigenen historischen „Kronjuwelen“, weil sie sich nicht gegen den medialen Mainstream stellen wollen.

Gleiches Ziel, andere Mittel

Das zweite Kapitel beschreibt unter der bezeichnenden Überschrift „Deutschland peinlich Vaterland“ kurz die Debatte um die Vereinigung, insbesondere ihre Ablehnung seitens der damaligen Grünen, und stellt gleichzeitig die Frage, was eigentlich deutsch ist – jenseits des Weins aus deutschen Landen, den Mohr überschwänglich lobt - und was als „Leitkultur“ dienen könnte. Mohr spricht sich explizit für eine „offene Gesellschaft“ aus.

Auf linker und radikalislamischer Seite will ohnehin kaum einer „deutsch“ sein. Teile der Zugewanderten fordern, sogenannte Biodeutsche künftig als „Menschen mit Nazi-Hintergrund“ oder „Menschen mit Genozid-Hintergrund“ zu bezeichnen. Für sie ist Deutschland selbstverständlich strukturell rassistisch. Da fragt sich nicht nur der Autor, warum eigentlich so viele Ausländer aus ärmeren Ländern meist nicht aus politischen Gründen nach Deutschland kommen wollen.

Im dritten Kapitel geht es um strukturellen Moralismus als Ersatzreligion und das nachholende sich Schämen für Dinge, die vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten geschehen sind. Die grüne Spitzenpolitikerin in Berlin beispielsweise möchte ungeschehen machen, dass sie als Kind ein Indianer sein wollte, denn die linke Sprachpolizei hat das Wort Indianer ebenso wie das Z- und das N-Wort als rassistische Beleidigung geoutet.

Mohr hält die Gender-Sprache, die sich in Universitäten und in linken Medien nach und nach durchsetzt, für Sprachverhunzung. Die von derselben Klientel geforderte Diversität degeneriere zum Selbstzweck beziehungsweise zur Interessenpolitik. Da auch die Unionsparteien in den letzten Jahren nach links gerückt seien und damit Platz für die AfD geschaffen haben, seien diejenigen, die noch halbwegs bei Verstand sind, in der Minderheit.

Gesellschaftliche Mitte ist schwach

Die Schwäche der gesellschaftlichen Mitte resultiere auch aus ihrer Aufsplitterung. Inzwischen seien viele Personen, die zur sozialen Mitte gehören und sich selber auch so einordnen, auf einem grünen Trip gelandet. Wohin das führen kann, zeigte der digitale Parteitag der Bündnis-Grünen. Eine selbsternannte linke Aufklärerin nannte die Kritik an „Klimaforscher*innen“ in einem Atemzug mit der Verfolgung von Juden und forderte gleichzeitig die Aufhebung polarisierender Debatten. Offenbar verkennt sie ebenso wie viele weitere aus dem rot-grünen Lager, dass die Kontroverse, der Streit um den richtigen Weg in den verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen, das Salz in der Suppe einer guten Demokratie ist. Der heute in rot-grünen Kreisen übliche Tugendfuror kann schnell in Tugendterror umschlagen, wie die Geschichte zeigt. Aber in der Geschichte kennen sich leider nur wenige linke und auch rechte Akteure aus. Eine derartige Geschichtsblindheit oder Geschichtslosigkeit führt dazu, dass es weniger um Wissen als um Gesinnung geht. Auf der rot-grünen Seite nimmt zudem das moralisierende pseudointellektuelle Geschwafel immer weiter zu.

Reinhard Mohr hat ein gut lesbares Buch geschrieben, das zum Nachdenken anregt. Wer anfängt zu lesen, legt es nicht mehr aus der Hand. Gleichzeitig zeigt der Autor mit seiner Kritik am rechten und linken Populismus und Extremismus, dass es sehr wohl eine überzeugende liberal-bürgerliche Argumentation gibt – sie muss nur einfach abgerufen und vertreten werden.

Reinhard Mohr: „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung. Warum es keine Mitte mehr gibt“, Europa-Verlag, München 2021, gebunden, 159 Seiten, 16 Euro