24.01.2022

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Folge 30-21 vom 30. Juli 2021 / Berliner Speckgürtel / Großstädter wollen naturnah wohnen / Lärm, hohe Mieten und knapper Wohnraum in Berlin – Das Umland schiebt sich in die Spitzenklasse

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-21 vom 30. Juli 2021

Berliner Speckgürtel
Großstädter wollen naturnah wohnen
Lärm, hohe Mieten und knapper Wohnraum in Berlin – Das Umland schiebt sich in die Spitzenklasse
Norman Hanert

Ob München, Hamburg, Berlin oder Köln – Deutschlands Großstädte haben in der Vergangenheit wie Magnete neue Bewohner angezogen. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass das Wachstum der Metropolen kein Selbstläufer mehr ist.
Zumindest als Wohnort verlieren die Stadtzentren zunehmend an Attraktivität, gefragt ist vor allem das Umland jenseits der Stadtgrenzen. Ob sich diese schon seit einigen Jahren abzeichnende Entwicklung durch die Corona-Pandemie verstärkt hat, war eine Frage, mit der sich das Münchner ifo-Institut beschäftigt hat. Zusammen mit dem Immobilienportal immowelt haben die Münchner Wirtschaftsforscher dazu deutschlandweit mehr als 18.000 Personen befragt. Dabei gab fast jeder Achte, der in einer Großstadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern lebt, den Wunsch an, bis zum Sommer 2022 wegziehen zu wollen.

Jeder achte Großstädter will weg

Es waren vor allem Menschen im mittleren Alter und insbesondere Familien mit Kindern, die solche kurzfristigen Wegzugspläne aus den Metropolen haben. Darüber hinaus förderte die Befragung zutage, dass auf längere Sicht sogar noch wesentlich mehr Großstadtbewohner Wegzugsgedanken haben. Weitere 18,5 Prozent gaben an, sie würden im Zeitraum von zwei bis sechs Jahren einen Wegzug planen. Als Umzugsziele wurden meist Städte mit weniger Einwohnern und die sogenannten Speckgürtel der Metropolen genannt.

Zum Teil profitiert von den Umzugswünschen auch Kleinstädte und Dörfer abseits der Ballungsräume. Immerhin knapp elf Prozent der Befragten gaben ländliche Regionen als ihr Umzugsziel an. Fast die Hälfte (46 Prozent) derjenigen mit den kurzfristigen Umzugsplänen erklärte, die Corona-Pandemie habe ihre Entscheidung beeinflusst.
„Viele Befragte geben an, in Zukunft weniger Kompromisse bei den eigenen Wohnverhältnissen machen zu wollen, da sie aufgrund der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringen“, so Jan-Carl Mehles, Leiter der Marktforschung bei immowelt und Ko-Autor der Studie.

Fast zwei Drittel der befragten Großstädter gaben als Grund für ihre Umzugspläne den Wunsch nach mehr Naturnähe und einer Aufwertung der eigenen Wohnverhältnisse an. Ganz oben rangierte dabei der Wunsch nach mehr Wohnfläche und nach einem besseres Wohnumfeld für die Familie.

Die Abwanderung aus den Stadtzentren bringt nach Ansicht des ifo-Instituts neue Herausforderungen mit sich, etwa in der Verkehrsinfrastruktur. Der suburbane Raum muss besser als bisher an den urbanen Raum angeschlossen werden. Durch den Zuzug von Familien muss in den betroffenen Kommunen auch die Bildungsinfrastruktur ausgebaut werden.
Zusätzlich zu diesen vom ifo-Institut genannten Punkten könnte sich eine weitere Frage ergeben, falls die Abwanderungsbewegung langfristig anhält. Wie sinnvoll ist es beispielsweise, die Berliner Innenstadt immer mehr für zusätzlichen Wohnungsbau zu verdichten, wenn es ein gutes Viertel der Einwohner ohnehin ins Umland oder aufs Land zieht?

Die Politik muss sich auch darauf vorbereiten, dass die demographische Entwicklung für einen grundlegenden Wandel auf dem Arbeitsmarkt sorgen wird. In den kommenden Jahren steht nämlich auf breiter Basis der Rückzug der sogenannten Baby-Boomer-Generation aus dem Arbeitsleben an.
Bereits ab 2025 ist damit zu rechnen, dass ein Mangel an Arbeitskräften vielerorts das Wirtschaftswachstum bremsen wird.
Arbeitskräftemangel prognostiziert

Das Hamburger Prognos-Institut geht in einer sogenannten Langfrist-Konjunkturprognose, die es im Auftrag des „Handelsblatts“ angefertigt hat, davon aus, dass bis zum Jahr 2030 nur noch 15 deutsche Regionen einen Zuwachs an Erwerbstätigen haben werden.

Gleichzeitig sehen die Forscher aber das Angebot an Arbeitskräften als den entscheidenden Faktor an, ob Kommunen und Regionen zukünftig zu den Gewinnern oder den Verlierern gehören werden. Vor diesem Hintergrund sieht das Beratungsunternehmen insbesondere für Städte und Gemeinden in den östlichen Bundesländern gute Chancen.
Rostock zählt für die Forscher beispielsweise bundesweit zu den zehn Standorten mit den besten Aussichten. Arbeitsmarktchancen, ein gutes Wohnungsangebot, Hochschulen und das Kulturleben machen auch Potsdam und Leipzig zu Magneten für Zuzügler.

Mit Blick auf die Landkreise Dahme-Spreewald und Oder-Spree im Speckgürtel Berlins spricht Prognos sogar von einem „Tesla-Effekt“. Für beide Landkreise prognostiziert das Beratungsunternehmen, dass sich Teslas Giga-Fabrik und der neue Flughafen Berlin Brandenburg zu starken Jobmotoren entwickeln.
Diese beiden Landkreise sowie Potsdam und Potsdam-Mittelmark sieht Prognos zusammen mit Städten und Regionen wie Wolfsburg, Regensburg, Darmstadt und drei Landkreisen im Münchner Umland bis 2030 zu den wachstumsstärksten Regionen in Deutschland überhaupt.