18.01.2022

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Folge 30-21 vom 30. Juli 2021 / Leitartikel / Das Schloss der Bürger

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-21 vom 30. Juli 2021

Leitartikel
Das Schloss der Bürger
René Nehring

Das Berliner Humboldt-Forum ist eröffnet. Nach einem Vierteljahrhundert Debatten über den Wiederaufbau der Fassaden des Berliner Schlosses und jahrelangen Diskussionen über die inhaltliche Konzeption dieses größten Projektes deutscher Kulturpolitik der Gegenwart steht das Haus nun mit gleich sechs ersten Ausstellungen offen (siehe PAZ vom 23. Juli 2021).
Keineswegs vorbei ist erwartungsgemäß das Ringen um die Deutung dessen, was dort in der historischen Mitte Berlins entstanden ist. Von „Stein gewordener Kompromiss“ (Gregor Mayntz in der „Allgemeinen Zeitung“) über „Kolonialwarenladen eröffnet“ („taz“) und „Charme eines Lastwagenabstellplatzes“ (Nikolaus Bernau im rbb) bis zu „Aus diesem Haus kann etwas werden“ (Christoph Stölzl in der „Welt am Sonntag“) reichten die ersten Kommentare in den Medien.  
Alles in allem positiv und zufrieden zeigte sich der Unternehmer Wilhelm v. Boddien, der Anfang der 90er Jahre zu den Initiatoren der Idee eines Wiederaufbaus des Berliner Schlosses gehörte, 1994 mit dem von ihm gegründeten Förderverein eine Simulation des Schlosses in die Mitte der Hauptstadt setzte und seitdem als im positiven Sinne „Quälgeist“ gegenüber Politikern, Architekten, Kunsthistorikern, Journalisten und letztlich der ganzen Öffentlichkeit solange für das Projekt warb, bis der Bundestag 2002 mit annähernder Zweidrittelmehrheit für einen Neubau mit einer Nachbildung der historischen Schlossfassaden stimmte.

Neben der Freude über die Fertigstellung des Baus ist Boddien nun vor allem darüber erfreut, dass er mit den vielen Mitstreitern seines Fördervereins die zugesagten 105 Millionen Euro Spenden für die Wiederherstellung der historischen Fassaden liefern konnte.

Dieser Teil der Geschichte ging in den Kommentaren zur Eröffnung des Humboldt-Forums jedoch weitgehend unter. Es waren die Bürger, die die historischen Fassaden wollten. Und es waren die Bürger (nicht nur Berlins), die bereit waren, dafür zum Teil tief in das Portemonnaie zu greifen – und zwar anders als die Politik durchaus in die eigene Geldbörse. Einen öffentlichen Dank dafür erhalten haben sie selten. Ganz im Gegenteil mussten sich Mäzene wie Inga Maren Otto, Witwe des Versandhausgründers Werner Otto, die mit einer Spende von einer Million Euro die Wiederherstellung des goldenen Kuppelkreuzes über dem Eingang finanzierte, auch noch Hohn und Spott gefallen lassen. Doch unbeirrt davon haben die zahllosen Spender das Humboldt-Forum zu etwas gemacht, was anfänglich niemand für möglich gehalten hat: ein Bürger-Schloss.  

An diesen Willen der Bürger und ihre offenkundige Sehnsucht nach einer Reparatur der zahllosen städtebaulichen Wunden Berlins zu erinnern ist gerade jetzt geboten. Denn nach dem Humboldt-Forum, dessen inhaltliche Ausgestaltung sich noch finden muss, stehen weitere Debatten über die noch offenen Flächen in der historischen Mitte Berlins an, allen voran die unmittelbare Umgebung des Schlosses. Dass dort anstelle des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals nun die „Wippe der Einheit“ entstehen soll, lässt allerdings nichts Gutes befürchten.