17.01.2022

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Folge 30-21 vom 30. Juli 2021 / Nordrhein-WestfaLEN / Von Briten erschaffen, aber auf deutschen Entwürfen beruhend / Vor 75 Jahren vereinigten die britischen Besatzer den von ihnen besetzten Teil der Rheinprovinz, die sogenannte Provinz Nordrhein, mit Westfalen zum heute bevölkerungsreichsten Land der Bundesrepublik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-21 vom 30. Juli 2021

Nordrhein-WestfaLEN
Von Briten erschaffen, aber auf deutschen Entwürfen beruhend
Vor 75 Jahren vereinigten die britischen Besatzer den von ihnen besetzten Teil der Rheinprovinz, die sogenannte Provinz Nordrhein, mit Westfalen zum heute bevölkerungsreichsten Land der Bundesrepublik
Wolfgang Reith

Vor 75 Jahren wurde mit der Militärverordnung Nr. 46 der britischen Besatzungsmacht vom 23. August 1946 das heutige Bundesland Nordrhein-Westfalen geschaffen. Ebenso wie die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ging es aus der Erbmasse des Freistaates Preußen hervor, den die Siegermächte allerdings erst durch Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947 offiziell auflösten.


Hugo Preuss

Gut zwei Monate vor der Militärverordnung, am 21. Juni 1946, hatte die britische Regierung den Beschluss gefasst, den nördlichen Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sowie die ebenfalls preußische Provinz Westfalen zu einem Land zu vereinen. Am 17. Juli gab Sholto Douglas den Beschluss auf einer Pressekonferenz des Alliierten Kontrollrates bekannt. Drei Tage später erhielt der Düsseldorfer Oberstadtdirektor Walter Kolb die Mitteilung, dass seine Stadt künftig Hauptstadt des neuen Landes sein werde. Zum designierten Ministerpräsidenten wurde am 24. Juli Rudolf Amelunxen ernannt. Nach der offiziellen Gründung des Landes konnte der vorher und später dem Zentrum angehörende, aber zu dieser Zeit parteilose Politiker sein Amt antreten. Am 29. August stellte der gebürtige Kölner sein Kabinett vor. Am 2. Oktober 1946 fand schließlich die konstituierende Sitzung des Landtages statt, dessen Abgeordnete ebenso wie der Ministerpräsident noch von der Besatzungsmacht ernannt waren.




Walther Vogel

Oft ist das Bindestrichland als „künstliches Konstrukt“ oder als Produkt einer Zwangsvereinigung bezeichnet worden. In der Tat war die Bevölkerung der beiden Provinzen zu dieser von den Briten als „Operation Marriage“ (Operation Hochzeit) bezeichneten Gründung nicht befragt worden. Allerdings handelte es sich nicht um eine willkürliche Grenzziehung landfremder Mächte am grünen Tisch wie teilweise in Afrika. Vielmehr hatte die Besatzungsmacht deutsche Fachleute zu Rate gezogen, die auf bereits in der Weimarer Republik diskutierte Pläne zurückgriffen.




Hans Baumann

Der sogenannte Vater der Weimarer Verfassung, der in Preußens Hauptstadt geborene linksliberale Staatsrechtslehrer und Politiker Hugo Preuss, hatte bereits nach dem Ersten Weltkrieg einen Vorschlag für die Neugliederung des Reichsgebietes unterbreitet, gemäß dem dieses in 14 Freistaaten aufgeteilt werden sollte. Er konnte sich damit nicht durchsetzen, doch tagten bis 1930 immer wieder Konferenzen und Kommissionen, die zahlreiche Modelle vorschlugen, dazu Karten und Statistiken erarbeiteten und sogar Beschlüsse fassten, die aber nie in die Tat umgesetzt wurden. Diesen Diskussionen um eine Reichsreform lag der Gedanke zugrunde, den Einfluss des vermeintlich übermächtigen Preußen zurückzudrängen, ja den Staat gar zu zerschlagen. In diesem Sinne hatte der im sächsischen Chemnitz zur Welt gekommene Historiker und Hochschullehrer Walther Vogel 1919 eine Schrift mit dem Titel „Deutschlands bundesstaatliche Gestaltung“ vorgelegt.
Drei Jahre später promovierte Hans Baumann mit einer 1925 veröffentlichten Dissertation über das mitteldeutsche Braunkohlengebiet, in welcher der im preußischen Landsberg an der Warthe geborene Ingenieur, Eisenbahner, Redakteur und Hochschullehrer für die Neugliederung des Reiches in elf oder zwölf „Wirtschaftsgebiete“ plädierte. In diesem Zusammenhang entwarf er den Plan einer Teilung der Rheinprovinz entlang der Grenze zwischen den Regierungsbezirken Köln und Koblenz. Die Kreise Wittgenstein und Lippe-Detmold der Provinz Westfalen gliederte er mit Schaumburg-Lippe einem neuen Land mit der Bezeichnung „Niedersachsen“ an. Den verbleibenden Rest der Provinz Westfalen und den Nordteil der Rheinprovinz vereinigte er zu einem Gebilde, das er „Rheinland-Westfalen“ nannte und dessen Hauptstadt Köln sein sollte. Das Territorium dieses geplanten Rheinland-Westfalen entsprach weitgehend dem von NRW, allerdings erweitert um die Kreise Altenkirchen und Waldeck. Den südlichen Teil der Rheinprovinz wollte er mit Hessen zu einem Land „Rhein-Main“ zusammenlegen. All diese Entwürfe orientierten sich ausschließlich an wirtschaftlichen, verkehrstechnischen, sozialen und demografischen Aspekten und ließen Traditionen wie historische Grenzen außer Acht. Das war den Menschen nur schwer zu vermitteln und minimierte die Realisierungschance von Baumanns Plan.




Helmuth James Graf von Moltke

Wie aus der Weimarer gibt es auch aus der NS-Zeit Pläne, das Reichsgebiet neu zu gliedern. Im Kriegsjahr 1943 gab es im Kreisauer Kreis um den Grafen Helmuth James von Moltke Planungen, das Reichsterritorium in zehn Länder zu gliedern. Die Kreise Minden, Warburg und Siegen-Wittgenstein von der Provinz Westfalen sollten abgetrennt und der Rest mit dem Nordteil der Rheinprovinz, ergänzt um den Regierungsbezirk Osnabrück, das Emsland und das Oldenburger Münsterland, zu einem Land mit dem Namen „Niederrhein-Westfalen“ vereinigt werden.




Hermann Pünder

Die Briten ließen sich 1945/46 von deutschen Politikern aus der Weimarer Zeit beraten, die all diese Überlegungen kannten und seinerzeit zum Teil selbst in sie involviert gewesen waren. Wichtiger Ansprechpartner war vor allem Robert Lehr, seit Oktober 1945 Oberpräsident von Nordrhein. Nordthein war eine von den Besatzern am 5. Juni 1945 geschaffene Provinz und bestand aus den drei zur britischen Besatzungszone gehörenden Regierungsbezirken der Rheinprovinz Aachen, Düsseldorf und Köln. Schon am 6. Mai 1945, also noch vor der Kapitulation der Wehrmacht, hatte der vormals der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) angehörende spätere Mitbegründer der CDU ein Memorandum erstellt, in dem er sich für die Zusammenlegung des nördlichen Rheinlands mit Westfalen zu einem Land „Rheinland-Westfalen“ einsetzte. Unterstützung erhielt er dabei von Hermann Pünder und Karl Zuhorn. Der im November 1945 ernannte Oberbürgermeister von Köln und der im Juni 1945 wieder eingesetzte Oberbürgermeister von Münster befürworteten wie Lehr ein solches Land. Und schließlich hieß auch der rheinische CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer, der als namhafter Politiker von den Briten um Rat befragt worden war, die angedachte Lösung für gut.




Karl Zuhorn

Alle vier Persönlichkeiten waren in den 1920er Jahren an den Debatten um eine Reichsreform beteiligt gewesen: Pünder als Chef der Reichskanzlei von 1926 bis 1932, Adenauer als Präsident des Preußischen Staatsrates von 1921 bis 1933, Lehr als Oberbürgermeister von Düsseldorf von 1924 bis 1933 und Mitglied des Deutschen Städtetages sowie Zuhorn als Landesrat beim Provinzialverband der Provinz Westfalen von 1922 bis 1932 und Oberbürgermeister von Münster von 1931 bis 1933.




Konrad Adenauer

So darf abschließend zusammengefasst werden, dass die Bildung des Landes und späteren Bundeslandes vor einem Dreivierteljahrhundert zwar eine britische Schöpfung war, sie aber gleichwohl auf deutschen Entwürfen beruhte, die schon zwei Jahrzehnte zuvor angedacht worden waren. Der Vollständigkeit halber soll nicht unerwähnt bleiben, dass es seit 1947 noch einen Dritten im Bunde gibt. Dem aus den Provinzen Nordrhein und Westfalen gebildeten Nordrhein-Westfalen, das in der Militärverordnung Nr. 46 vom 23. August 1946 bezeichnenderweise noch „Nordrhein/Westfalen“ mit Schräg- statt mit Bindestrich geschrieben wurde, wurde durch die Militärverordnung Nr. 77 vom 21. Januar 1947 noch das Land Lippe als dritter Landesteil angeschlossen.


Zwei Oberpräsidenten und ihr Chef


Als Trost für die Westfalen, die ein eigenes Land erhofft hatten, wurde deren letzter Oberpräsident, Rudolf Amelunxen, der erste NRW-Ministerpräsident


Der Royal-Air-Force-Offizier Sholto Douglas war vom Mai 1946 bis zum November 1947 Militärgouverneur der britischen Besatzungszone in Deutschland



Robert Lehr machte später noch in der Bundespolitik Karriere. Nach Gustav Heinemanns Rücktritt wurde er 1950 Bundesinnenminister, was er bis 1953 blieb