17.01.2022

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Folge 31-21 vom 06. August 2021 / Mega-Bauprojekt / Paris gönnt sich ein neues gigantisches Metronetz / Ungeachtet der wirtschaftlichen Corona-Folgen für die EU-Staaten und seiner hohen Staatsverschuldung treibt Frankreich den Ausbau seiner U-Bahn voran

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-21 vom 06. August 2021

Mega-Bauprojekt
Paris gönnt sich ein neues gigantisches Metronetz
Ungeachtet der wirtschaftlichen Corona-Folgen für die EU-Staaten und seiner hohen Staatsverschuldung treibt Frankreich den Ausbau seiner U-Bahn voran
Norman Hanert

Als die EU-Kommission und auch deutsche Politiker im vergangenen Jahr von einem „Corona-Wiederaufbaufonds“ zu sprechen begannen, konnte der Eindruck entstehen, Europa sei durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg flächendeckend zerstört. 

Speziell ein Blick nach Frankreich zeigt, wie irreführend dieser Eindruck sein kann. Ungeachtet der Corona-Krise spendiert Deutschlands Nachbarland seiner Hauptstadtregion das derzeit größte Infrastrukturprojekt Europas. Für Kosten, die aktuell bei 42 Milliarden Euro liegen, bekommt der Ballungsraum der Ile-de-France ein riesiges neues Metronetz. 

Das Megaprojekt mit dem Namen Grand Paris Express umfasst bis 2030 den Bau von insgesamt 200 Kilometern 

U-Bahnlinien. Dabei sollen zwei bestehende Linien bis weit in die Pariser Vororte verlängert werden. Um Paris herum entstehen vier komplett neue Linien. Diese sollen einen 160 Kilometer langen Ring um die französische Hauptstadt legen. 

An den neuen Metrostrecken liegen unter anderem La Défense als Standort von Banken- und Versicherungen sowie alle drei Pariser Flughäfen, darunter der Flughafen Charles-de-Gaulle als Logistik-Drehscheibe. Auf mehreren der neuen Linien sollen automatische Züge verkehren, die keine Fahrer benötigen. An dem Vorhaben Grand Paris Express wird seit 2015 gebaut. Erste Abschnitte des Projekts sollen zu den Olympischen Spielen 2024 in Betrieb gehen. Die Fertigstellung sämtlicher U-Bahnlinien ist für 2030 geplant.

Weder die Corona-Pandemie noch eine Kostenexplosion oder die hohe Staatsverschuldung haben das Projekt bislang gestoppt. Der Schuldenberg des französischen Staates hat 2020 mit rund 2,58 Billionen Euro eine neue Rekordhöhe erreicht. In absoluten Zahlen hat Frankreich damit Italien als das EU-Land mit den höchsten Staatsschulden abgelöst.

Die „große Wette“

Das Vorhaben des Grand Paris Express ist Teil eines umfassenden Plans für eine „Metropole du Grand Paris“. Bereits 2008 hatte Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy zehn Architekturbüros aufgefordert, Vorschläge für ein „außergewöhnliches Projekt“ auszuarbeiten.

Beim Namen des Wettbewerbs, „Le Grand Pari de l’agglomération parisienne“ griffen Sarkozy und seine Mitarbeiter auf ein Wortspiel zurück: „Le Grand Pari“ (die große Wette) klingt ausgesprochen wie Grand Paris (Groß Paris). Seit 2016 ist die Verwaltungseinheit „Metropole Grand Paris“ nun Realität. Der neue Ballungsraum mit seinen über neun Millionen Einwohnern steht inzwischen für fast ein Drittel der gesamten Wertschöpfung Frankreichs.

Aus deutscher Perspektive sind nicht nur die gigantischen Dimensionen der französischen Pläne bemerkenswert. Auffällig ist, dass der Grand Paris Express für die meisten deutschen Leitmedien entweder nur selten oder gar kein Thema ist.

Tatsächlich ist das Thema bestens geeignet, bei hiesigen Medienkonsumenten, Steuerzahlern und Nahverkehrsnutzern starke Zweifel an der Politik der Bundesregierung und auch der Landesregierungen in Berlin und Brandenburg zu wecken.

Die deutschen Milliardenzahlungen an den EU-Haushalt, der Target-2-Saldo der Bundesbank in Billionenhöhe, Haftungsübernahmen für die Euro-Rettung oder den Corona-Wiederaufbaufonds werden regelmäßig damit gerechtfertigt, Deutschland profitiere am meisten von der EU und dem Euro. Kaum vorstellbar ist, dass der deutsche Staat wie Frankreich kurzerhand 42 Milliarden Euro in die Hand nimmt, um seiner Hauptstadt ein U-Bahnnetz bis weit in das Umland zu gönnen. 

Der Grand Paris Express fordert einen Vergleich mit der Verkehrspolitik für die deutsche Hauptstadt geradezu heraus: Berlins Politik diskutiert mittlerweile seit Jahrzehnten, ob beispielsweise der Tunnel der U-Bahnlinie 3 im Südwesten der Stadt um 800 Meter verlängert werden kann, um eine neue Umsteigemöglichkeit zum Berliner S-Bahnnetz zu schaffen.

Pläne für Berliner Ringbahn

Ein Projekt wie der Grand Paris Express samt Schaffung eines einheitlichen Ballungsraums würde den großen Wurf darstellen. Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg würde in eine wirtschaftliche Spitzenliga mit Greater London und Grand Paris katapultiert. In welch bescheidenen Dimensionen in der deutschen Hauptstadt mittlerweile gedacht wird, zeigt das 150-jährige Jubiläum der Berliner Ringbahn, das am 17. Juli gefeiert werden konnte: Als der preußische Staat in den 1860-Jahren mit den Ringbahnplanungen begann, handelte es sich um ein Vorhaben, das heutzutage mit dem Milliardenprojekt Grand Paris Express vergleichbar wäre. 

Im Rückblick hat sich die kühne Verkehrsplanung Preußens als Startschuss für eine Entwicklung erwiesen, die Berlin über Jahrzehnte zur größten Industriestadt auf dem europäischen Kontinent machte. Anlässlich des historischen Jubiläums sprachen sich zumindest vereinzelt Verkehrspolitiker dafür aus, die Berliner Ringbahn durch einen weiteren Ring im Umland zu ergänzen. Ein Teilstück dafür könnte der Berliner Außenring sein, den die DDR zur Umfahrung des Westteils von Berlin in den 1950er Jahren gebaut hatte.