20.04.2024

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Folge 32-21 vom 13. August 2021 / Corona-Folgen / Sprechstörungen bei Kindern haben zugenommen / Ursache fehlende Behandlungs- und mangelnde Kommunikationsmöglichkeit während der Lockdowns

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-21 vom 13. August 2021

Corona-Folgen
Sprechstörungen bei Kindern haben zugenommen
Ursache fehlende Behandlungs- und mangelnde Kommunikationsmöglichkeit während der Lockdowns
Wolfgang Kaufmann

Schon vor Beginn der Corona-Krise nahmen die Sprach- und Sprechstörungen bei Kindern und Jugendlichen stark zu. Laut einer Ende 2020 veröffentlichten Studie der Kaufmännischen Krankenkasse stieg die Zahl der betroffenen 6- bis 18-Jährigen zwischen 2009 und 2019 um insgesamt 56 Prozent. Damit hatten bereits mehr als sieben Prozent der Heranwachsenden behandlungsbedürftige Probleme, wobei die Quote unter den 6- bis 10-Jährigen sogar bei rund 15 Prozent lag.

Experten wie Katrin Neumann, ihres Zeichens Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Münster, gehen jetzt davon aus, dass es durch die Schul- und Kitaschließungen ab März 2020 zu weiteren Beeinträchtigungen der Sprachkompetenz von Minderjährigen gekommen ist. Dafür gibt es drei mögliche Ursachen: Zum Ersten konnten bereits bestehende Sprachentwicklungsstörungen während der Lockdowns nicht ausreichend diagnostiziert und behandelt werden. Zum Zweiten entstanden infolge des Heimunterrichts oder der Betreuung von Kita-Kindern im elterlichen Haushalt neue Störungen. Das gilt besonders für den Fall, dass Deutsch zuhause nicht die Muttersprache ist. 

Laut einer Studie der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen kam es „bei mehrsprachigen Kindern“ zu einer teilweise extremen Regression: Viele beschränkten sich wieder auf Einwortsätze, wenn es ums Deutsche ging. Zum Dritten gingen auch bei Heranwachsenden ohne gravierende Einschränkungen die kommunikativen Fähigkeiten zurück, weil sie zu wenig Gespräche mit Gleichaltrigen führten und stattdessen auf passiven Medienkonsum auswichen.

Die Folge von all dem dürfte eine deutliche Zunahme der Wortschatzdefizite sein, begleitet von vermehrten Schwierigkeiten, bestimmte Laute zu produzieren sowie auch sinnvolle Sätze zu bilden und zu verstehen. Dazu kommen die psychischen und intellektuellen Folgeschäden der mangelnden Sprachbeherrschung.

Die Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen erfolgt in der Regel durch eine logopädische Therapie. Allerdings gibt es hier Wartelisten, welche immer länger werden. So mussten betroffene Kinder in Nordrhein-Westfalen schon 2017 achteinhalb Wochen auf ihren ersten Termin beim Logopäden warten. Diese Situation hat sich seither noch weiter verschlechtert, wie der Deutsche Bundesverband für Logopädie mitteilte. Das resultiert daraus, dass mittlerweile bloß noch 32 potentielle Bewerber auf 100 freie Logopädenstellen kommen, so die Zeitschrift „forum: logopädie“ im November 2020. Einer der Gründe für den Logopädenmangel ist die nicht sonderlich gute Bezahlung: Derzeit liegt der durchschnittliche Vollzeit-Bruttoverdienst quer durch alle Branchen bei knapp 4000 Euro. In Vollzeit beschäftigte Logopäden erhalten hingegen im Mittel nur ein Bruttogehalt von rund 2700 Euro im Monat – im Westen eher mehr und im Osten weniger. Dafür müssen die angehenden Therapeuten eine dreijährige unbezahlte Ausbildung absolvieren und in deren Verlauf oft sogar noch Schulgeld entrichten.