27.01.2022

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Folge 32-21 vom 13. August 2021 / Porträt / Der Risiko-Abwäger

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-21 vom 13. August 2021

Porträt
Der Risiko-Abwäger
H. Tews

Ist jemand ein Impfgegner, der seinen minderjährigen Enkeln davon abrät, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen? In den Verdacht geriete schnell jeder, hieße er nicht Thomas Mertens. Der Mann ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut und stellte in der Talkshow von Markus Lanz auf dessen Frage nach den Enkeln klar: „Nein, gesunde Kinder würde ich jetzt im Augenblick nicht impfen lassen.“

Damit stellt sich der 71-jährige Virologe so ziemlich gegen alle, die bei der Impfdebatte in Politik und Medien den Ton angeben. Gerade zu Beginn des Schuljahres wird allerorten die Durchimpfung von Jugendlichen gefordert, weil sonst im Falle von Corona-Ausbrüchen wieder Schulschließungen drohten.

Doch Mertens, dieser Fels in der Brandung, warnt vor vorschnellem politischen Aktionismus. Die Studienlage gebe noch keinen klaren Beleg darüber her, dass Jugendliche ab zwölf Jahren nicht doch schwere Nebenwirkungen durch das Impfen bekommen könnten. Und selbst wenn sie an Covid-19 erkranken, sei der Verlauf meistens sehr milde. Wozu also das Risiko einer Impfung eingehen?

Bei der Risikoabwägung hat sich Mertens seine von politischen Positionen unabhängige Stellung als Wissenschaftler bewahrt. Das ist fast schon einzigartig in einer Zeit, in der sich viele Virologen und Epidemiologen von der Politik vereinnahmen lassen. Der aus Freiburg stammende Hochschulprofessor und Experte für Herpesviren, der bis zu seiner Emeritierung 2018 das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Ulm leitete, ist seit 2017 STIKO-Chef. Wohl auch deshalb, weil er Politikern nicht nach dem Mund redet, ist ein Umbau der Gesundheitsgremien im Gespräch. Ein neues Bundesgesundheitsamt soll zukünftig alle Strukturen bündeln. Ein solches gab es bereits bis 1994, wurde dann aber wegen eines Skandals um HIV-verseuchte Blutpräparate aufgelöst und in drei Nachfolgeinstitute aufgeteilt, darunter das Robert-Koch-Institut mit der STIKO. So dürfte jede künftige Regierung einen Querkopf wie Mertens besser im Griff haben.