17.01.2022

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Folge 32-21 vom 13. August 2021 / Atlantik-Charta / Als die USA zur globalen Führungsmacht wurden / Vor 80 Jahren legten Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill ihre Prinzipien einer weltweiten Kooperation dar. Diese gilt als wichtiger Markstein auf dem Weg zur Gründung der Vereinten Nationen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-21 vom 13. August 2021

Atlantik-Charta
Als die USA zur globalen Führungsmacht wurden
Vor 80 Jahren legten Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill ihre Prinzipien einer weltweiten Kooperation dar. Diese gilt als wichtiger Markstein auf dem Weg zur Gründung der Vereinten Nationen
Erik Lommatzsch

Die hehre und zugleich naive Idee, die Menschheit könne einen dauerhaften Weltfrieden herstellen, ist alt. Als konkretes Unterfangen, Kriege zwischen den Staaten künftig ganz zu unterbinden, gelten die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907. Mit seinem 14-Punkte-Programm vom Januar 1918 wollte der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson nicht nur das weltkriegserschütterte Europa ordnen, sondern er dachte global und sprach davon, dass eine „allgemeine Gesellschaft der Nationen“ geschaffen werden müsse. Apostrophiert wird Wilson gern als „Initiator des Völkerbundes“, der im Januar 1920 gegründet wurde. 

Angesichts des Zweiten Weltkrieges hat der Völkerbund, der formal bis zum April 1946 bestand, bei seiner Hauptaufgabe, der friedlichen Beilegung von Konflikten, versagt. Die Interessengegensätze ließen sich nicht annähernd ausgleichen. Das Deutsche Reich etwa erklärte im Oktober 1933 seinen Austritt, die Sowjetunion wurde 1939 ausgeschlossen, die USA hatten ihm gar nicht erst angehört.

Treffen auf der „Prince of Wales“

Vor 80 Jahren, am 14. August 1941, wurde die Atlantik-Charta bekannt gemacht. Diese Erklärung gilt als maßgeblich für das Zustandekommen der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegründeten Vereinten Nationen (UN). Die Initiative hatten der britische Premierminister Winston Churchill und abermals ein US-Präsident, Franklin D. Roosevelt, ergriffen. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war der Handlungsdruck verstärkt worden. 

Keine zwei Wochen zuvor hatten zudem Vertreter Großbritanniens und anderer Commonwealth-Staaten mit den Repräsentanten von acht Exil-Regierungen sowie Vertretern von France libre (freies Frankreich) in London die Erklärung von St. James verabschiedet. Diese gilt als erste gemeinsame Zielfestlegung von alliierten Verbündeten des Zweiten Weltkrieges. Unter anderem heißt es dort, die einzige Basis eines dauerhaften Friedens sei „die Bereitschaft freier Völker zur Zusammenarbeit in einer von der Bedrohung der Aggression befreiten Welt“.

Churchill und Roosevelt waren vom 9. bis zum 12. August 1941 zusammengetroffen, unter höchster Geheimhaltung. Die beiden Regierungschefs vereinbarten auf dem britischen Schlachtschiff „Prince of Wales“ vor der kanadischen Insel Neufundland die Atlantik-Charta. 

Im Vorsatz betonen sie, es handle sich um „gewisse allgemeine Grundsätze der nationalen Politik ihrer beiden Länder“, von denen sie „eine bessere Zukunft für die Welt erhoffen“. In acht Punkten erfolgt die Darlegung. Erstens erklären sie, ihre Staaten „streben nach keiner Vergrößerung“, zweitens, sie „wünschen keine territorialen Änderungen, die nicht mit dem frei zum Ausdruck gebrachten Wunsch der betreffenden Völker übereinstimmen“. Drittens sei es „das Recht aller Völker, sich die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollen“, dort, wo die Selbstregierung „mit Gewalt genommen“ wurde, solle sie wieder hergestellt werden. Viertens wird postuliert, dass „künftig alle Staaten … Zugang zum Handel und den Rohmaterialien der Welt haben“ sollten. Die „engste Zusammenarbeit aller Nationen auf wirtschaftlichem Gebiet“ wird im fünften Punkt „gewünscht“. Sechstens erklären Roosevelt und Churchill, sie hofften „nach der endgültigen Vernichtung der Nazityrannei … auf einen Frieden, der allen Nationen die Möglichkeit bietet, innerhalb der eigenen Grenzen sicher zu leben“. Der siebente Punkt führt fort, ein solcher Friede müsse es gestatten, „ungehindert die Meere und Ozeane zu überqueren“. Unter dem abschließenden achten Punkt erklären sie, dass „sie glauben, dass alle Nationen der Welt … dazu kommen werden, auf Gewaltanwendung zu verzichten“. 

Da künftig der Friede nicht aufrechtzuerhalten sei, solange Rüstungen „von Nationen weiterhin zum Angriff außerhalb der Grenzen eingesetzt werden“, hielten sie es für wesentlich, „diese Nationen zu entwaffnen, bis ein umfassenderes und dauerhaftes System der allgemeinen Sicherheit geschaffen wurde“. Zu unterstützen sei jeder Schritt, „der dazu dient, friedliebenden Völkern die erdrückende Last der Rüstung zu erleichtern“.

Wendepunkt in der US-Außenpolitik

Die Atlantik-Charta wird als endgültiger Wendepunkt in der US-Außenpolitik angesehen, die sich zuvor auf Neutralität berufen hatte. Eine Abkehr davon war allerdings schon mit dem im Februar 1941 verabschiedeten Lend-Lease Act (Leih- und Pachtgesetz) deutlich geworden. Damit waren US-amerikanische Waffenlieferungen an Kriegsgegner der Achsenmächte möglich. Im Dezember 1941 traten die USA schließlich selbst in den Krieg ein. Vor allem aber markiert die Atlantik-Charta den Beginn der weltpolitischen Führungsrolle der USA.

Die Sowjetunion, France Libre sowie neun europäische Exilregierungen unterzeichneten die Vereinbarungen am 24. September 1941. Die Declaration by United Nations (Deklaration vereinter Nationen) wurde am 1. Januar 1942 in Washington verabschiedet, auch China unterstützte damit die Prinzipien der Atlantik-Charta.

Mit der Akzeptanz der „Grundsätze“ war es nicht allzu weit her, sofern sie mit Interessen der Unterzeichner kollidierten. So hatte sich Churchill von Anfang an gegen eine Anwendung der Atlantik-Charta auf das Commonwealth verwahrt. Auch die Sowjetunion entschied später über ihren Einflussbereich nach eigenem Gutdünken. Polen wollte seine Ansprüche auf Danzig, Ostpreußen und Oberschlesien ebenso wenig zurückstellen wie die Tschechoslowakei auf das Sudetenland.

Dennoch war beharrlich an der Verfestigung der Idee des abermaligen allumfassenden internationalen Zusammenschlusses gearbeitet worden. Als weitere Stationen auf dem Weg zur UN gelten die Treffen von Vertretern Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion auf der Moskauer Konferenz von 1943, auf der Konferenz von Dumbarton Oaks von 1944, hier unter Beteiligung Chinas, sowie Vereinbarungen zwischen Churchill, Roosevelt und Josef Stalin auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945. 

Die Charta der Vereinten Nationen trat schließlich am 24. Oktober 1945 in Kraft. Der Verlauf der weiteren Geschichte, die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten bis heute, wenn auch nicht im Weltkriegsmaßstab, sowie die Existenz freiheitsfeindlicher Regime zeigen die engen Grenzen der schlichtenden Wirksamkeit dieses globalen Zusammenschlusses und dessen Ausnutzbarkeit für Sonderinteressen.





Anglo-amerikanische Staatsführer

Woodrow Wilson war vor Franklin D. Roosevelt der letzte US-Präsident, den die Demokraten stellten. Er amtierte von 1913 bis 1921 (siehe Artikel links).

Franklin D. Roosevelt strebte analog zu seinem Parteifreund Woodrow Wilson für die Nachkriegszeit ein Pendant zum Völkerbund an, die Vereinten Nationen

Winston Churchill war pragmatischer und sowjetkritischer als Roosevelt. Der britische Pre­mier amtierte von 1940 bis 1945 sowie von 1951 bis 1955