26.01.2022

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Folge 33-21 vom 20. August 2021 / Unesco-Welterbe / Weltpolitik auf der Kurpromenade / Wo Wilhelm I. einst kurte – Auch wegen seiner historischen Bedeutung wurde Bad Ems jüngst zum Welterbe erklärt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 33-21 vom 20. August 2021

Unesco-Welterbe
Weltpolitik auf der Kurpromenade
Wo Wilhelm I. einst kurte – Auch wegen seiner historischen Bedeutung wurde Bad Ems jüngst zum Welterbe erklärt
Bettina Müller

Quelle scandale! Da hat der Kaiser tatsächlich Flecken auf seiner Kleidung. Erhaben wirkt er trotzdem, wie er da so im Bad Emser Kurpark auf einem Eichen-Baumstumpf lehnt und wohlwollend auf „seinen“ Kurort blickt. Das von Paul Otto im Jahre 1892 geschaffene Denkmal ist einzigartig in Deutschland, zeigt es doch Kaiser Wilhelm I. in Zivil und nicht in militärischem Ornat. Der Regent wacht über die rheinland-pfälzische Stadt, die am 24. Juli von der UNESCO mit dem Titel „Welterbe“ bedacht wurde und die nun auch zu den elf „Großen Bädern Europas“ gehört (siehe auch PAZ vom 13. August). 

Reist man von Koblenz aus mit dem Auto an und parkt am Ortseingang, so ist zunächst von Glanz und Glorie nicht viel zu spüren. Lediglich der Straßenname „Römerstraße“ zeugt von den altehrwürdigen Spuren der Vergangenheit. Zügig arbeitet sich der Flanierwillige in Richtung Kurviertel vor, und hat derweil einen Geistesblitz. Beim UNESCO-Welterbetitel geht es nicht immer nur um das Aussehen im Hier und Jetzt. Keine Stadt kann an allen Ecken 100-prozentig aufgeräumt und mondän sein, auch nicht Bad Ems. 

Es geht vielmehr um das große Ganze, um die historische Bedeutung des Ortes, die lange Tradition des europäischen Kur-Phänomens. Und es geht auch um die visuelle Verflechtung von Medizin, Kurleben, Sozialleben und Unterhaltung, die sich in Bad Ems äußerst kompakt und somit modellhaft darbot und so zum Vorbild für andere europäische Städte wurde, die nicht genau wussten, wohin genau die Reise gehen sollte. 

Detailreich spiegelt sich die Bäder-Kultur und -Architektur in den Innen- und Außenräumen des kleinen Kurviertels wider. Und da ist es endlich, das weitläufige Kursaalgebäude, das architektonische Glanzlicht, mit seiner Kolonnade, dem Kurcafé, dem legendären Marmorsaal, dem Kurtheater und natürlich dem Casino. Kein seriöser Kurort ohne Spielbank – auch das ist Tradition in Bad Ems, wo sich ganz Übermütige bereits seit 1720 in den Ruin stürzten. 

Schweigen über Emser Depesche

Ihr Mütchen kühlen konnten sich die Spielsüchtigen in der Römerquelle jedoch nicht, denn die ist seit jeher 40 Grad heiß. Stattdessen weinten sie vielleicht in ihr kühles Kissen im Hotel, und dabei hatten sie die Qual der Wahl unter den opulenten Prachtbauten wie zum Beispiel dem „Russischen Hof“, dem „Englischen Hof“ oder unter den Villen entlang der Wilhelmsallee auf der anderen Seite der Lahn mit Luxusausblick auf die Stadt Ems und die pittoreske Natur dahinter. 

Für Letztere muss man noch heute gut zu Fuß sein, es geht unvermittelt steil bergauf. Sänften gibt es nun mal nicht mehr, alternativ kann einen die Kurwaldbahn in das Kurgebiet auf der Bismarckhöhe zum Bismarckturm befördern. 

Der 880 erstmals urkundlich erwähnte Ort, der einmal „Dorf Ems“ hieß und in dem schon im 14. Jahrhundert nachweislich ein Kurbetrieb stattfand, prosperierte im 17. und 18. Jahrhundert und erreichte im 19. Jahrhundert den Zenit seiner Popularität. Ems wurde zu einem der berühmtesten Badeorte Deutschlands mit internationalem Flair. Zu einem mondänen Welt- und Staatsbad, in das im Laufe der Zeit nicht nur der europäische Adel, sondern auch Künstler wie Jacques Offenbach oder Fjodor Dostojewskij strömten, aber auch Politiker. 

Vor Skandalen und Tragödien gefeit war man dort durch die vielfältigen politischen Verflechtungen der Zeit jedoch nicht. Über die „Emser Depesche“ hüllt man an dieser Stelle besser den Mantel des Schweigens, gilt sie doch als Vorwand des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Stoisch kurte Preußens König Wilhelm I. danach weiterhin in Ems – „Bad Ems“ sollte es erst 1913 werden –, flanierte wie immer mit seinem Tross durch den kleinen Kurpark und labte sich dann am Heilwasser. 

Die Fertigstellung der nach dem deutschen Kaiser benannten und 1899 vollendeten Kirche in der Malbergstraße, die ihm den weiteren Weg zur alten Dorfkirche erspart hätte, sollte er nicht mehr erleben, er starb ein Jahr zuvor. Sicher wäre seine Majestät stolz auf Ems gewesen, auf den Ort, wo er nicht immer nur der Staatsmann sein musste, sondern auch Mensch sein durfte.