19.01.2022

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Folge 36-21 vom 10. September 2021 / Franz Ernst Neumann / Ein Tummelplatz der Naturwissenschaftler / Über den Begründer der „Königsberger Schule“ der Physik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-21 vom 10. September 2021

Franz Ernst Neumann
Ein Tummelplatz der Naturwissenschaftler
Über den Begründer der „Königsberger Schule“ der Physik
Wolfgang Kaufmann

Franz Ernst Neumann gilt als Begründer der „Königsberger Schule“ der Physik, denn seine früheren Studenten und Doktoranden besetzten zum Ende des 19. Jahrhunderts fast alle einschlägigen Lehrstühle in Deutschland. Besonders hervorzuheben wären dabei Gustav Robert Kirchhoff, ab 1875 Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und vor allem bekannt für das Kirchhoffsche Strahlungsgesetz sowie wichtige Erkenntnisse über elektrische Stromkreise, Friedrich Ernst Dorn, ab 1881 beziehungsweise 1885 Professor in Darmstadt und Halle und ein maßgeblicher Erforscher der Radioaktivität, Alfred Clebsch, zwischen 1858 und 1872 Professor in Karlsruhe, Gießen und Göttingen und Mitbegründer der Quantenmechanik, sowie Georg Hermann Quincke, von 1872 bis 1907 Ordinarius in Würzburg und Heidelberg sowie Pionier auf den Gebieten der Akustik und Molekularphysik.

Seine grandiose akademische Laufbahn war Neumann nicht in die Wiege gelegt. Der am 11. September 1798 im brandenburgischen Vorwerk Mellin geborene uneheliche Sohn der geschiedenen Gräfin Charlotte Friderike Wilhelmine von Mellin und ihres Gutsverwalters Franz Ernst Neumann wuchs trotz des beachtlichen Vermögens der Mutter in bescheidenen Verhältnissen bei den Großeltern väterlicherseits auf. Bereits mit 16 Jahren schloss er sich dem Colbergschen Grenadier-Regiment „Graf Gneisenau“ an, um als Freiwilliger in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zu kämpfen. Dabei erlitt der Jüngling in der Schlacht von Ligny, die am 16. Juni 1815 zwei Tage vor dem alles entscheidenden Treffen bei Belle-Alliance und Waterloo stattfand, eine schwere und fast tödliche Verwundung: Eine Kugel durchbohrte seine Oberlippe, die Zunge und den Oberkiefer, sodass Neumann später neu sprechen lernen musste. Anschließend machte er 1817 sein Abitur am Friedrichwerderschen Gymnasium in Berlin und begann danach, dem väterlichen Wunsch entsprechend, Theologie zu studieren. Allerdings nur für kurze Zeit, denn schon bald besuchte er lieber Vorlesungen in Mathematik und Naturwissenschaften. Finanziert wurde sein Studium vom preußischen Staat sowie durch Zuwendungen des Geologen und Vulkanologen Leopold von Buch.

1826 nach Königsberg

Neumann promovierte am 16. März 1826 mit einer kristallographischen Arbeit und wechselte im Herbst des Jahres als Privatdozent an die Universität Königsberg, die ihn angesichts seiner bisherigen akademischen Leistungen von der eigentlich üblichen Aufgabe befreite, eine Habilitationsschrift zu verfassen. Der 28-Jährige hielt zunächst mineralogische Vorlesungen in Vertretung des Universalgelehrten Carl Gottfried Hagen und wurde am 10. März 1828 außerordentlicher Professor. Da Neumann es vorzog, ausschließlich wissenschaftlich zu arbeiten, anstatt sein kümmerliches Gehalt durch Privatunterricht aufzubessern, lebte er in sehr bescheidenen Verhältnissen. Deshalb sah sich der Astronom und Mathematiker Friedrich Wilhelm Bessel schließlich veranlasst, beim preußischen Kultusminister Karl Sigmund Franz Freiherr vom Stein zum Altenstein zu intervenieren. Infolgedessen wurde Neumann am 17. Mai 1829 nach von Hagens Tod zum ordentlichen Professor für Physik und Mineralogie berufen – mit einem Jahresgehalt von 500 Talern. Dergestalt abgesichert, widmete er sich der Physik der Erde und den physikalischen Eigenschaften von Mineralien, sich dabei immer stärker der theoretischen Physik widmend. Da seine diesbezüglichen Vorlesungen ein absolutes Novum darstellten und lange Zeit auch blieben, wurde Königsberg sukzessive zum Tummelplatz junger talentierter Naturwissenschaftler aus allen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Russlands.

Weil die ostpreußische Universität damals noch über kein physikalisches Labor verfügte, kaufte Neumann 1847 aus eigenen Mitteln ein abseits gelegenes Haus auf dem Hintertragheim und stellte die Haupträume den Studenten zum Experimentieren zur Verfügung, während er und seine Familie im kärglichen Rest des Anwesens lebten. Diese Bescheidenheit zeigte der Physiker auch auf anderen Gebieten, während er zugleich auf eine umfassende wissenschaftliche Schulung des akademischen Nachwuchses hinarbeitete und diesem das von ihm selbst vorgelebte „Ethos der Exaktheit“ einpflanzte. Dadurch wurde Königsberg ab etwa 1850 zur Heimstätte einer aufstrebenden und selbstbewussten modernen Physik.

Aufgrund der enormen Verdienste Neumanns hagelte es schließlich auch Ehrungen aller Art, die belegen, wie sehr der preußische Staat seine Arbeit schätzte. So erhielt er 1860 den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste und 1888 den Kronenorden I. Klasse mit Stern. Dazu kam 1894 die Ernennung zum Wirklich Geheimen Rat.

Bereits im Jahre 1876 wurde Neumann von der Verpflichtung entbunden, Vorlesungen zu halten. Trotzdem blieb er bis zu seinem Tode am 23. Mai 1895 an der Universität Königsberg aktiv und unternahm noch mit 94 Jahren „Spaziergänge“ von bis zu drei Stunden Dauer.