16.01.2022

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Folge 36-21 vom 10. September 2021 / Der Wochenrückblick / Dort hui, hier pfui / Warum „Nation Building“ die Rettung bringen soll, wo „Nation“ doch als rückwärtsgewandt gilt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-21 vom 10. September 2021

Der Wochenrückblick
Dort hui, hier pfui
Warum „Nation Building“ die Rettung bringen soll, wo „Nation“ doch als rückwärtsgewandt gilt
Hans Heckel

Es hätte so schön werden sollen. „Nation Building“ lautete das Zauberwort, auf dem alle Träume ruhten, in Afghanistan ebenso wie in Libyen oder dem Irak. Die Rechnung lautete: Wenn sich die Menschen nicht mehr nur ihren Clans, Stämmen, religiösen Führern oder gar „Warlords“ verpflichtet fühlen, sondern echte Patrioten ihres Landes werden – loyal zu ihrer demokratisch gewählten Regierung, dann komme alles andere fast von selbst: Recht und Freiheit, Frauen-Emanzipation, Bildung und Fortschritt, Frieden, Wohlstand und Stabilität.

Also all die Dinge, die unser Europa ausmachen, weshalb wir hier so gut und so gerne leben. Aber Moment mal, da fällt einem doch etwas auf: Dieselben Münder, welche den Afghanen, Libyern oder Irakern die „Nation“ als Pforte zum Glück anbieten, präsentieren sie uns Europäern, und uns Deutschen zumal, als das genaue Gegenteil, als Tor zur Hölle.

Ständig werden wir ermahnt: Wir sollen nur ja nicht „in nationale Kategorien zurückfallen“ und uns stattdessen von der „Enge nationalen Denkens“ lösen. Während die besagten Orientalen sich zu einer Nation vereinen sollen, um sich in ihr zu assimilieren, gilt es in Deutschland schon als geradezu menschenverachtend, wenn man öffentlich auf die Assimilation von Einwanderern hofft oder gar auf deren „Eindeutschung“ – welch Schreckenswort! – hinarbeitet.

„Vielfalt“ statt Assimilation

Nein, jeder Einwanderer soll ganz im Gegenteil unbedingt seine „Identität“ als Nichtdeutscher hegen und bewahren, indem er „zu seinen Wurzeln steht“. Damit die Abgrenzung von den Deutschen nicht wankt, wird den Einwanderern sogar mit viel Mühe ein Rochus auf die indigene Bevölkerung eingeflößt. So sollen schwarze Immigranten auf der Hut sein vor dem „toxischen Weißsein“ der einheimischen Deutschen, weil die Teutonen nämlich alle Rassisten sind.  

Die Losung heißt „Vielfalt“, was bedeutetet: Als Ideal für Deutschland gilt genau jenes möglichst lose zusammenhängende Sammelsurium von ethnischen Gruppen und Grüppchen, welches Länder wie Afghanistan angeblich daran hindert, demokratisch, stabil und wohlhabend zu werden. Der Teufel an der Wand trug in unseren Gestaden Namen wie „D-Mark-Nationalismus“, als es um den Euro ging, oder zuletzt „Impf-Nationalismus“. Kanzlerin Merkel war es sogar lieber, wenn besser erst mal gar nicht geimpft wird, solange Brüssel es nicht schafft, die Maßnahmen zu dirigieren. Nur nicht in nationaler Regie impfen, das war das Wichtigste und stand über allem. Die monatelange Verzögerung der Impfkampagne nahm Merkel dafür geduldig hin.

Beim Euro mussten wir sogar lernen, dass es beinahe unweigerlich zum Krieg führen würde, wenn wir beim Geld weiter national blieben: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“ war die Zwillingsparole von „Europa oder Krieg“.

Wo bleibt der Krieg mit England?

Die nationsverachtenden „Europäer“, gemeint sind die Vertreter der EU, nehmen die vermaledeiten Nationen gleich von zwei Seite in die Zange. Von der einen entwinden sie den Nationalstaaten zugunsten des Brüsseler Zentralismus ein Souveränitätsrecht nach dem anderen. Von der anderen Seite kämpfen sie für ein „Europa der Regionen“. Die kleinen Regionen sollen am besten an den Nationalstaaten vorbei direkt mit der EU-Zentrale kommunizieren. Zentralisten lieben kleine Einheiten, weil sie sich von ganz oben viel leichter kontrollieren lassen als große Bundesglieder.

Warten wir ab, wie weit sie kommen. Diejenigen, die sich verängstigt in den Euro haben locken lassen, weil sie an die Behauptung „Europa oder Krieg“ geglaubt haben, müssten sich heute eigentlich verdutzt-erleichtert die Augen reiben. Denn nach dieser sagenhaften Logik müsste es nach dem Brexit längst knallen am Ärmelkanal. Tut es aber nicht und wird es auch nicht. Nanu?

Aber so erfolgreich sie beim Verdampfen der Nationen in Europa auch sein mögen, in den genannten orientalischen Ländern sind sie mit dem gegenteiligen Ziel erbärmlich gescheitert. War das nicht vorherzusehen? Hatten die großen, weisen Entscheider denn keine Fachleute, die mal einen etwas genaueren Blick auf die Versuchsobjekte des „Nation Building“ hätten werfen können?

Oder hatten die USA und mit ihnen ihre Verbündeten in Wahrheit ganz etwas anderes vor? Es gibt einen Hinweis: Hat es Sie auch schon gestört, dass uns ständig erzählt wird, die afghanischen Ortskräfte hätten „uns geholfen“ (siehe Seite 8)? War es nicht umgekehrt? Schließlich haben die USA, Deutschland und andere unter hohem Blutzoll zwanzig Jahre lang Leben und Gesundheit ihrer Soldaten riskiert und nicht selten geopfert und Milliarden über Milliarden an den Hindukusch gepumpt, um Afghanistan zu helfen, oder? Oder?

Oder handelt es beim „uns geholfen“ gar um einen Freudschen Versprecher, der eine ziemlich schnöde Wahrheit durchblicken lässt. Nämlich die, dass ganz andere Interessen im Spiel waren als die Angegebenen.

Mit „uns“ sind dann auch nicht die deutschen Soldaten und zahllosen Entwicklungshelfer gemeint, die ihr Bestes taten und zum Teil buchstäblich alles, ihr Leben nämlich, gaben in dem Glauben, sie seien zum Besten des afghanischen Volkes im Land. Unter „uns“ sollte man sich vielmehr die listigen Strategen vorstellen, die am grünen Tisch mit großer Geste die Welt nach ihrem Gusto zu formen trachten.

Dabei ging es immer wieder auch um Afghanistan. Seit 150 Jahren wollen wechselnde Großmächte den Hindukusch unter ihre Kontrolle bringen, weniger, weil sie das Gebiet unbedingt haben wollten, sondern vielmehr, damit es der Rivale nicht kriegt. Zuletzt haben es eben die Amerikaner versucht, in deren Schlepptau wir marschierten. 

Nur so ein Gedanke!

In unserem sensiblen Zeitalter ist es aber nicht mehr opportun, imperiale Weltpolitik ganz offen zu praktizieren, wie es Königin Victorias Briten noch ganz ohne Scham tun durften (was für sie in Afghanistan ebenfalls in einen Albtraum mündete, der den preußischen Poeten Theodor Fontane zu einer tieftraurigen Ballade rührte). 

Nein, heutzutage muss man der Weltöffentlichkeit irgendetwas Nettes erzählen, damit der imperiale Zugriff einen zeitverträglichen Anstrich erhält. Al-Kaida zur Strecke bringen – gut. Das hätte jeder verstanden. Aber dazu musste man nicht das ganze Land umkrempeln und sich dort festsetzen. Also kam man – nur so ein Gedanke! – in Washington auf den alten Schlager „Nation Building“. Das würde Jahre dauern und eine langfristige US-Präsenz rechtfertigen, ohne dass jemand was von „Geopolitik“ petzt.

Nun umschleichen Russland, China, Indien, der Iran und Pakistan das Talibanreich. Und wir Deutsche sind heilfroh, dass wir mit keinem dieser Länder verbündet sind.