14.04.2024

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Folge 49-21 vom 10. Dezember 2021 / Türkei / Droht ein zweites Griechenland? / Anders als bei der türkischen Finanzkrise 2001/02 sind inzwischen viele Banken aus der Eurozone im Erdoğan-Staat engagiert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-21 vom 10. Dezember 2021

Türkei
Droht ein zweites Griechenland?
Anders als bei der türkischen Finanzkrise 2001/02 sind inzwischen viele Banken aus der Eurozone im Erdoğan-Staat engagiert
Norman Hanert

Die türkische Währung Lira hat gegenüber dem US-Dollar in diesem Jahr bereits weit über 40 Prozent an Wert eingebüßt. Mit dem sinkenden Wert der Lira geht im Alltagsleben der Türken ein Anstieg der Preise einher. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde lag die Inflation im November im Vergleich zum Vorjahresmonat bei beachtlichen 21,3 Prozent. Für Lebensmittel mussten die Türken sogar 27 Prozent mehr bezahlen als im November des Vorjahres. 

Und diese Werte sind möglicherweise sogar noch geschönt, wirft der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu der Statistikbehörde doch vor, bei der Ermittlung der Teuerungsraten „die Zahlen kleiner“ zu machen. Auch Ökonomen der Enagrup schätzen die Inflation mit über 58 Prozent deutlich höher ein als die Statistikbehörde. 

Als Folge der Teuerungswelle sind in Istanbul und Ankara inzwischen Proteste gegen die Wirtschaftspolitik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan aufgeflammt. Die Inflation trifft vor allem die Kleinverdiener und die Mittelschicht, die zur Stammwählerschaft Erdoğans zählen. Bei der Wahl von 2018 konnte Erdoğan noch 43 Prozent Stimmanteil erzielen. Anderthalb Jahre vor den nächsten Parlaments- und Präsidentenwahlen bescheinigten nun fast zwei von drei Befragten dem Präsidenten, er mache in der Wirtschaftspolitik eine schlechte Arbeit.

Leidtragende des Schwächelns der Lira sind in der Türkei nicht nur die Verbraucher, die unter der spürbaren Erhöhung der Lebenshaltungskosten leiden, sondern auch die vielen Unternehmen und auch Privathaushalte, die Kredite in Euro oder Dollar aufgenommen haben. Laut Daten der Zentralbank in Ankara stand allein der türkische Privatsektor Ende September mit knapp 172 Milliarden US-Dollar im Ausland in der Kreide. Durch den Verfall der türkischen Landeswährung müssen die Schuldner zur Tilgung ihrer Fremdwährungskredite immer mehr Lira erwirtschaften, wenn ihnen Einnahmen in Hartwährung fehlen. 

Wie stark sich die Rückzahlungsbedingungen für die betroffenen Firmen und Privatpersonen verschlechtert haben, macht ein Blick auf den Wechselkurs deutlich. Anfang 2018 genügten noch 3,97 Lira, um einen US-Dollar zu kaufen. Anfang Dezember dieses Jahres mussten Käufer zeitweise schon mehr als 13 Lira für einen Dollar bezahlen.

Die Situation erinnert an die türkische Finanzkrise von 2001/02. Damals gingen binnen weniger Monate 21 türkische Banken in Konkurs. Inzwischen ist der Bankensektor des Landes allerdings viel stärker mit dem Ausland vernetzt. Die jetzige Talfahrt der türkischen Währung könnte sich damit nicht nur als ein türkisches Problem erweisen. Vielmehr könnte eine neuerliche Konkurswelle von Banken am Bosporus auf das gesamte Finanzsystem übergreifen. Eine besondere Gefahr besteht für einige Banken in der Eurozone.

Spanier sind groß eingestiegen

Deutsche Institute haben sich zwar mit Engagements in der Türkei stark zurückgehalten. Die Commerzbank hat lediglich eine Repräsentanz in Istanbul. Auch die Deutsche Bank unterhält nur eine Niederlassung am Bosporus. Umso stärker haben sich aber spanische, französische, italienische und niederländische Geldhäuser engagiert. Für die holländische ING stellte die Türkei vergangenes Jahr nach den USA und Australien den drittgrößten Markt außerhalb der EU dar. Auch die französische BNP Paribas hat mit Hilfe eines Gemeinschaftsunternehmens mit der Colakglu-Gruppe auf die Türkei-Karte gesetzt. 

Besonders stark ist die spanische Banco Bilbao Vizcaya Argentaria in der Türkei exponiert. Die BBVA hält bereits 49,9 Prozent an der türkischen Garanti Bank. Im November gaben die Spanier bekannt, die zweitgrößte türkischen Privatbank komplett übernehmen zu wollen. Im Kontrast dazu stehen bei der italienischen Unicredit die Zeichen auf Rückzug. 

Die Italiener haben bereits schrittweise ihre Anteile an der Yapi Kredi Bank von 40 auf 20 Prozent reduziert. Auch die verbliebenen Anteile will die Unicredit mittlerweile verkaufen. islang ist nicht absehbar, wie die Regierung in Ankara die Lira-Krise stoppen kann. Erdoğan hat mit seinen Forderungen nach niedrigen Zinsen den Wertverlust der Lira selbst immer wieder befeuert. Üblicherweise bekämpfen Zentralbanken eine zu hohe Inflation mit der Erhöhung der Leitzinsen. Erdoğan vertritt dagegen die Ansicht, Inflation ließe sich mit Zinssenkungen bekämpfen. 

Auf Druck Erdoğans hat die Notenbank im März den Leitzins von 19 Prozent auf 15 Prozent gedrückt. Da die offiziell ausgewiesene Teuerungsrate deutlich höher liegt, erleiden Sparer und Anleger somit einen realen Wertverlust, wenn sie derzeit auf die türkische Lira setzen.