22.05.2024

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Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021 / Nachruf / Ein Leben für Südtirol / Zu denen, die dieses Jahr von uns gingen, gehörte auch der Südtiroler Freiheitskämpfer Sepp Mitterhofer

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021

Nachruf
Ein Leben für Südtirol
Zu denen, die dieses Jahr von uns gingen, gehörte auch der Südtiroler Freiheitskämpfer Sepp Mitterhofer
Reinhard Olt

Zu denen, die in dem nun zu Ende gehenden Jahr von uns gegangen sind, gehört auch Sepp Mitterhofer. Im 90. Lebensjahr stehend ist der Tiroler und Ehrenobmann des Südtiroler Heimatbundes (SHB) in der Nacht vom 20. zum 21. November verstorben. 

Der Obstbauer vom Unterhasler-Hof in Meran-Obermais war einer der letzten jener, die sich einst mit dem legendären Gründer des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS), Sepp Kerschbaumer, einem kleinen Lebensmittelhändler und Kleinbauern aus Frangart, zusammengetan hatten, um in konspirativen Klein- und Kleinstgruppen daran mitzuwirken, die Welt(öffentlichkeit) auf die von der Italienischen Republik betriebene Entnationalisierung ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Die Repubblica Italiana hatte trotz der zwischen ihrem Regierungschef Alcide DeGasperi und dem österreichischen Außenminister Karl Gruber 1946 in Paris vereinbarten Autonomie-Übereinkunft für das seit dem Friedensdiktat von Saint-Germain-en-Laye 1919 Italien zugesprochene südliche Tirol die unter Benito Mussolini ins Werk gesetzte systematische Italianisierung des Landes zwischen Brenner und Salurn unablässig fortgeführt. Erbarmungslos ließen die Bozner Statthalter der italienischen Staatsmacht die angestammte Bevölkerung partiell unterjochen.

Die Aktivisten des BAS verlangten, worauf Mitterhofer in vielen seiner späteren öffentlichen Mahnrufe stets hinwies, die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts durch den in einen wesensfremden Staat gezwungenen Tiroler Volksteil. Sie wandten sich in Wort und ersichtlicher wie vernehmbarer Tat gegen die römische Verfälschung jenes Gruber-DeGasperi-Abkommens, in dem den Südtirolern die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten in Form einer statuarisch festgelegten Landesautonomie zugestanden worden war.

Die Geduld wich der Tat

Hatten die BAS-Akteure zunächst noch die Hoffnung, dass sich nach der machtvollen Demonstration von 30.000 Südtirolern auf Schloss Sigmundskron 1957 und mehrmaligen Vorstößen Wiens – so der Intervention des damaligen Außenministers Bruno Kreisky vor den Vereinten Nationen zugunsten der Südtiroler 1960/61 – die starre Haltung Roms ändern könnte, so sahen sie sich alsbald getäuscht. Die Geduld wich daher zugunsten der Tat der idealistischen Kämpfer des BAS. Ihr „großer Schlag“, das Sprengen von annähernd 40 Strommasten in der sogenannten Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, wurde nicht nur im weiten Rund um Bozen sowie an Eisack und Etsch, sondern auch weit darüber hinaus gehört. Entgegen anderslautenden Auffassungen, Deutungen und geschichtspolitischen Interpretationen gab nicht zuletzt dieses Fanal der Verzweiflung den Anstoß für Verhandlungen der beteiligten Konfliktparteien, aus denen schließlich das zwischen 1969 und 1972 staatsrechtlich in Kraft gesetzte neue Autonomie-Statut hervorging, auf dessen Grundlage die heutige (gesellschafts)politische Verfasstheit Südtirols ruht.

An den Verhandlungstisch gebombt

Bis es so weit war, begleiteten zahlreiche Rückschläge den Verhandlungsprozess zwischen Wien sowie Bozen und Rom. Und die BAS-Aktivisten durchlitten ein von der italienischen Staatsgewalt legitimiertes Fegefeuer, das wider die Menschenrechte verstieß und eines demokratischen Rechtsstaates gänzlich unwürdig war. Südtirol wurde in den Belagerungszustand versetzt und von Sicherheitskräften förmlich überzogen. Mehr als 20.000 Soldaten, Carabinieri sowie Spezialisten der Geheimdienste hatten den verhängten Ausnahmezustand zu gewährleisten und jede „feindliche Regung“ zu unterdrücken. 150 Freiheitskämpfer des BAS wurden als „bombardieri“ beziehungsweise „terroristi“ inhaftiert, die meisten von Angehörigen einer Spezialeinheit gefoltert, denen Italiens Innenminister Mario Scelba einen Freibrief für ihr barbarisches Tun ausstellte.

Freibrief Selbas für barbarisches Tun

Mitterhofer, der Obstbauer und Vater von vier Kindern aus Meran-Obermais, war unter den Gefolterten. In einem aus dem Gefängnis geschmuggelten, an den Südtiroler Landeshauptmann von 1960 bis 1989, Silvius Magnago, gerichteten Brief hat er das Unfassbare geschildert, das er erleben musste. Dort heißt es: „Im Ganzen musste ich zwei Tage und drei Nächte strammstehen ohne etwas zu Essen, Trinken und zu Schlafen … Mit Fußtritten wurde ich an den Füßen und am Hintern bearbeitet und auf den Zehen herumgetreten … Am meisten geschlagen wurde mir ins Gesicht, dass ich so verschwollen wurde, dass ich später nicht mehr den Mund aufbrachte zum Essen. Die Arme wurden mir am Rücken hochgerissen, dass ich laut aufschrie vor Schmerz. Einmal musste ich mich halbnackt ausziehen, dann wurde ich so lange mit Fausthieben bearbeitet, bis ich bewusstlos zusammenbrach … Öfters musste ich stundenlang vor brennende Scheinwerfer stehen und hineinschauen, bis mir der Schweiß herunter rann und die Augen furchtbar schmerzten. Man zog mich an den Ohren und riss mir Haare büschelweiße vom Kopf … Der Rücken musste glatt an der Mauer angehen, kaum, dass ich mich rührte oder mit den Zehenspitzen etwas herausrutschte, so schlug mich ein Carabiniere, der vor mir stand, mit dem Gewehrkolben auf die Zehen oder auf den Körper.“ Eine Reaktion von Seiten des Adressaten blieb aus.

Schilderung der erlittenen Folter

Wie anderen BAS-Aktivisten wurde auch Mitterhofer in Mailand der Prozess gemacht. Das Urteil lautete auf zwölf Jahre Gefängnis. Die Verurteilten wurden auf verschiedene Haftanstalten verteilt. BAS-Gründer Kerschbaumer verstarb während des Strafvollzugs in Verona. Seine und Mitterhofers Mitstreiter Franz Höfler aus Lana und Anton Gostner aus St. Andrä bei Brixen, Vater von fünf Kindern, ließen ihr Leben in unmittelbarer Folge von Folter-Torturen in Kasernen von Meran beziehungsweise Brixen und Bozen. Just in den Stunden, da man Höflers vor 60 Jahren erlittenen Foltertods in Südtirol gedachte, verstarb Mitterhofer.

Nach sieben Jahren und elf Monaten Gefängnisaufenthalt war Mitterhofer entlassen worden. Weder hatten Folter und Haft ihn brechen können noch verbitterten ihn die davongetragenen gesundheitlichen Schäden und lebenslangen Beeinträchtigungen. Erfolgreich setzte er sich für die ehemaligen politischen Häftlinge ein. Mit Beistand namhafter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens konnte durch unermüdlichen Einsatz die Löschung der Hypotheken des italienischen Staates, die auf dem Besitz ehemaliger politischer Häftlinge lasteten, und deren Wiedererlangung der bürgerlichen Rechte erreicht werden. Unerschütterlich führte Mitterhofer den Kampf für Freiheit und Einheit Tirols mit politischen Mitteln weiter und übernahm den Vorsitz im Südtiroler Heimatbund, an dessen Gründung er zusammen mit anderen ehemaligen politischen Häftlingen beteiligt gewesen war.

Vorsitz im Südtiroler Heimatbund

Ziel des SHB ist „die Durchsetzung des seit 1919 verwehrten Selbstbestimmungsrechts, das die Entscheidung über die Wiedervereinigung des geteilten Tirol bis zur Salurner Klause zum Gegenstand hat. Die angestrebte Wiedervereinigung soll entweder durch einen einzigen Volksentscheid oder durch schrittweisen Vollzug verwirklicht werden“. Der politische Arm des SHB, die oppositionelle Bewegung Süd-Tiroler Freiheit, deren Mitgründer er war, vertritt dieses Ziel im Südtiroler Landtag und in allen öffentlichen Auftritten gemäß Mitterhofers Credo, dass „Süd-Tirol nicht Italien“ sei und dass allein das ursprüngliche Ziel „Los von Rom“ das 1919 gesetzte historische Unrecht auslöschen könne.

Kein staatlicher Ehrerweis

Diesem Sohn Tirols ist weder von den Institutionen der beiden Landesteile in Bozen und Innsbruck noch von denen Österreichs, dessen politische Repräsentanten in Sonntagsreden Südtirol stets „eine Herzensangelegenheit“ nennen, jemals eine formelle Würdigung für seinen Lebenseinsatz zuteilgeworden. Auch blieb ihm – aus politischer Rückgratlosigkeit und weil das meist „ausgezeichnet“ genannte österreichisch-italienische Verhältnis nicht getrübt werden sollte – ein offizieller Ehrerweis versagt.