18.06.2024

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Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021 / Fahrzeug Nachbau / „Eine Reise in die Geschichte der Technik“

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021

Fahrzeug Nachbau
„Eine Reise in die Geschichte der Technik“
Wolfgang Kaufmann

Die Geschichte des Automobils reicht wohl mindestens bis ins Jahr 1675 zurück. Damals baute der flämische Jesuiten-Missionar Ferdinand Verbiest, der auch das Kalenderamt am Hofe des chinesischen Kaisers Kangxi leitete, das wohl erste aus eigener Kraft bewegliche Fahrzeug der Welt. Die nur 60 Zentimeter lange und 30 Zentimeter breite Maschine mit fünf Rädern, die im kaiserlichen Palast in Peking ihre Runden drehte, wurde durch Wasserdampf aus einer primitiven Überdruckturbine, einer sogenannten Aeolipile (Äolsball, Windkugel, Dampfkugel), angetrieben. Der Zweck des Ganzen bestand darin zu demonstrieren, zu welch erstaunlichen technischen Leistungen der Westen fähig sei.

Verbiest beschrieb das Fahrzeug, das verschollen ist, ausführlich in seiner 1687 in Dillingen gedruckten Schrift „Astronomia Europaea“. Diese inspirierte den Karlsruher Physiker Johann Lorenz Böckmann 1775 zu einem Nachbau des Modells, der allerdings gleichermaßen verlorenging. Allerdings blieben Detailzeichnungen der Konstruktion erhalten.

Die Berichte über Verbiests „Automobil“ brachten den Historiker Gerd Treffer von der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) auf die Idee, praktisch nachzuprüfen, ob sich das Gefährt tatsächlich in der beschriebenen Weise von der Stelle bewegen konnte. Hierbei erhielt er Unterstützung von Thomas Suchandt, der an der Technischen Hochschule Ingolstadt den Lehrstuhl für Maschinenelemente, Konstruktion und CAD (computer-aided design, rechnerunterstütztes Konstruieren) innehat. In mühevoller Kleinarbeit rekonstruierten Suchandt und dessen Studenten den frühneuzeitlichen Selbstfahrer. 

Der Nachbau der Aeolipile, eines recht urtümlichen „Motors“ auf der Basis von bereits in der Antike ersonnenen und von Heron von Alexandria beschriebene Wirkprinzipien, hatte durchaus seine Tücken. „Einige Teile flogen uns um die Ohren“, berichtete Suchandt in einer Pressemeldung der THI vom 21. Dezember, um dann hinzuzufügen: „Das ganze Projekt war eine Reise in die Geschichte der Technik. Wir haben uns mit Dingen beschäftigt, die seit Jahrhunderten nicht mehr in Gebrauch waren.“

Am Ende gelang es den Tüftlern dann aber doch, die Rekonstruktion des Dampfwagens von Verbiest zum Laufen zu bringen. Damit ist der Beweis erbracht, dass die zeitgenössischen Berichte stimmen und der flämische Missionar zu Recht als ein Pionier des Automobilbaus gilt. Nunmehr plant Suchandt weitere Versuche unter ausschließlicher Verwendung historischer Baumaterialien, um ein möglichst originalgetreues Abbild des Fahrzeuges zu schaffen.