22.05.2024

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Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021 / Silvester / Ulkkarten und verbuddelte Glückssymbole / Im Samland gab es verschiedene Traditionen, mit denen das neue Jahr begrüßt wurde

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 52-21 vom 31. Dezember 2021

Silvester
Ulkkarten und verbuddelte Glückssymbole
Im Samland gab es verschiedene Traditionen, mit denen das neue Jahr begrüßt wurde
Willi Hintz

Die Silvesterbräuche der Samländer unterscheiden sich kaum von denen der anderen ostpreußischen Landschaften. Da gab es überall die üblichen Silvesterbälle mit Kostümzwang, mit Tanz und Demaskierung um Mitternacht. 

Im Samland aber war es bis anfang der 30er Jahre Brauch, zu Silvester sogenannte Ulkkarten an gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen zu verschicken. Man kaufte die zumeist schmucklosen Postkarten in den einschlägigen Geschäften und dekorierte sie eigenhändig mit den Symbolen des Glücks. Das war dann entweder ein Hufeisen oder ein Schornsteinfeger mit der Leiter, ein Glücksschwein oder ein aufgeklebter Glückspfennig. Artig gehaltene – zumeist selber gereimte Sprüche – waren oftmals, zumal bei Brautleuten, Ausdruck inniger Liebe und Zuneigung. 

Selbstgereimtes zum Zeitvertreib

Hier zwei Kostproben: „Zum Neujahrstag gedenk ich Dein, ich wünsch Dir Glück, Erfolg und Schwein. Unterschrift:  Dein Dickerchen.“ „Glück und Freude immerdar wünsch ich Dir das ganze Jahr. Dein Marjellchen.“ 

In den samländischen Großfamilien feierte man Silvester gerne unter sich. Glückssymbole wurden aus Ton gebrannt oder aus Holz geschnitzt und bunt bemalt in einer Schüssel mit Seesand verbuddelt. Nach einigen Gläsern Glühwein oder Punsch, von der Hausfrau kredenzt, forderte der Hausherr die Gäste zum Glückgreifen auf. Man grabbelte nun in der sandigen Schüssel. Der Jubel war groß, wenn die Schwiegertochter zum Beispiel eine Wickelpuppe erwischte. Ein Geldstück bedeutete einen Gewinn bei der Lotterie, und ein Schornsteinfeger bedeutete Glück über den kurzen Weg. Erwischte eine der heiratsfähigen Töchter einen Ring, war eine baldige Verlobung in Aussicht. Traurig war es für denjenigen, der einen Totenkopf hervor holte.

Inzwischen reichte die Hausfrau zum Kaffee in Fett gebackene Pfannkuchen. Alle feixten, wenn es der Hausfrau durch geschicktes Drehen und Wenden der Gebäckschüssel gelang, dem angehenden Schwiegersohn, Schmisser genannt, die als einzige mit scharfem Mostrich gefüllte „Porzel“ zuzuschanzen. Zur Abwechslung wurde auch Blei gegossen, worauf sich etwa anwesende ältere verwitwete Tanten besonders freuten. Das durch Wasser verformte Stück Blei wurde durch die Orakel der älteren Tanten zukunftweisend gedeutet. 

Kurz vor Mitternacht traktierte sich jeder am delikat zubereiteten Spiegelkarpfen oder an Heringssalat, an Rollmops und gebratenen Klopsen.

Pünktlich zur Mitternacht trieb der Neujahrsbock sein Unwesen. In ein weißes Laken gehüllt, mit Bockshörnern und Pferdeschwanz dekoriert, brüllte er sein: „Prost Niejoahr, schiet önt oole Joahr!“  durch die samländische Winternacht. Mit einem Eichenknüppel oder auch mit einer Bullenpeitsche, „Penter“ genannt, schlug er auf alles ein, was ihm als Mensch in den Weg lief.

Neujahrsbock kam um Mitternacht

Um Mitternacht wurde nun Wein oder Sekt gereicht und man wünschte einander „Guten Rutsch ins neue Jahr“. Böllerschüsse und Knallfrösche, mitunter auch Raketen sorgten für Lärm und Radau. Die bösen Geister, so hoffte man, würden durch solcher Art Krach und Spektakel vertrieben. Aber die bösen Geister gaben am Tag nach Neujahr mittels der Post ihre Visitenkarten ab. Nicht alle Ulkkarten waren so harmlos wie zu Anfang beschrieben. Schmachtende Jünglinge, verlassene Bräute, gehörnte Ehemänner und Pumpgenies waren die Zielscheiben von anonym bleibenden Silvesterpoeten.

Hier eine kleine Auslese: „Zum Neujahrstag gedenk ich Dein, Du kleines Ferkel, dickes Schwein. Deine Verflossene.“ 

„An Deinem Busen möcht ich rasten wie eine Kuh am Futterkasten. Ein schmachtender Jüngling.“ 

„Du röhrender Hirsch mit zwölf Stangen, Dein Schmaltier ist fremd gegangen. Ein Jagdaufseher.“

Racheakte in Versform

Diesen letzten Reim mag wohl ein Gastwirt verfasst haben: „Lass Dich ab Neujahr nicht mehr lumpen, bezahl in bar, komm nicht mehr pumpen.“

Die Empfänger solcher Karten rätselten zumeist vergebens, wer wohl als Absender in Frage komme. Die anonymen Schreiber waren gewitzt, verstellten ihre Handschrift oder schrieben mit linker Hand. Es gab auch Karten, welche mit Spiegelschrift bekritzelt waren. Es waren eben ausgefeimelte Profies.

In der Silvesternacht trieb auch das Wiesel, „Duck“ genannt, in den ohne Aufsicht stehenden Hühnerställen sein Unwesen. Wie das „Königsberger Tageblatt“ in einem Jahr in seiner nach Neujahr erscheinenden ersten Ausgabe zu berichten wusste, hatte ein menschlicher „Duck“ aus dem Hühnerstall einer samländischen Landfrau sechs ihrer sieben Hühner geklaut. Das siebente Huhn, am Halse kahl gerupft, trug einen Zettel um denselben, auf dem zu lesen stand: „Guten Morgen Mutter, heute brauchst Du wenig Futter. Gestern waren wir noch sieben, heute bin ich ganz allein geblieben.“ Prosit Neujahr!

Erzählung aus dem Archiv der PAZ, die der Redaktion im Jahr 1985 zugesandt wurde.