24.05.2024

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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Ukrainische Flüchtlinge / Belastungen für das deutsche Gesundheitswesen / Corona, Masern, Polio – Hohes Ansteckungspotential durch ungeimpfte Ukrainer

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Ukrainische Flüchtlinge
Belastungen für das deutsche Gesundheitswesen
Corona, Masern, Polio – Hohes Ansteckungspotential durch ungeimpfte Ukrainer
Wolfgang Kaufmann

Das schon vor Beginn der russischen Invasion nicht sonderlich gut aufgestellte ukrainische Gesundheitssystem befindet sich in einer existentiellen Krise. Das  wird Deutschland bald zu spüren bekommen: „Alles, was in der Ukraine passiert, wirkt sich auch auf die anderen Länder aus, in die die Menschen fliehen“, warnte die Ukraine-Verantwortliche der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Heather Papowitz, unlängst.

So steht zu erwarten, dass viele Flüchtlinge mit der Omikron-Variante des Coronavirus infiziert sind, wobei das Risiko schwerer Fälle hier aber relativ gering ist. Jedenfalls lag die Durchimpfungsrate vor Kriegsbeginn in Kiew lediglich bei 65 Prozent und in vielen ländlichen Regionen sogar nur bei 20 Prozent.

Gefährlicher als SARS-CoV-2 ist das Poliovirus, das ebenfalls in der Ukraine grassiert. Wie eine Genfer Anti-Polio-Initiative mitteilte, wurde durch den Krieg eine Kampagne zur Impfung von 140.000 Kindern blockiert. Insofern dürfte es auch Einschleppungen der Kinderlähmung nach Deutschland geben.

Und dann sind da noch die Masern, die aufgrund ihres hohen Ansteckungspotentials in jeder humanitären Krise zum Problem werden. Wegen des verbreiteten Misstrauens in der ukrainischen Bevölkerung gegenüber jeder Form von Impfung kam es zwischen 2017 und 2020 zu mehreren Masernausbrüchen mit insgesamt 115.000 Erkrankten. Auch danach stieg die Durchimpfungsrate kaum. Im Gebiet von Charkiw, aus dem viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, lag sie besonders weit unter dem internationalen Durchschnitt.

Desgleichen hat die Ukraine eine der weltweit höchsten Inzidenzen bei der medikamentenresistenten Tuberkulose. Rund 32.000 Ukrainer erkranken jedes Jahr an Tuberkulose, und jeder Dritte davon entwickelt eine Multiresistenz. Das resultiert aus der Unterbrechung von Antibiotika-Therapien. Infolge der Corona-Pandemie war die Zahl der Behandlungen von Tuberkulosepatienten schon 2020 und 2021 um 30 Prozent zurückgegangen, was zu einer verstärkten Verbreitung der Krankheit führte. Aufgrund der jetzigen Verhältnisse sind weitere gravierende Verschlechterungen und auch Verschleppungen ins Ausland zu erwarten.

Dazu kommt die Durchseuchung mit dem HI-Virus. Die Ukraine weist die zweithöchste HIV-Rate in Osteuropa auf: Mehr als jeder hundertste Erwachsene ist infiziert – in Risikogruppen liegt die Quote bis zu 20 Mal höher. Eine antiretrovirale Therapie kann die Virenlast bei den Betroffenen soweit senken, dass die Übertragung der Krankheit verhindert wird. Allerdings erhielten vor Kriegsbeginn nur 57 Prozent der Infizierten eine solche Therapie. Und deren Fortsetzung steht nun vielfach in den Sternen.

Angesichts all dessen wäre es äußerst ratsam, ankommende Flüchtlinge nicht nur lückenlos zu registrieren und auf COVID-19 zu testen, sondern auch auf Masern, Polio, Tuberkulose und HIV zu untersuchen.