24.05.2024

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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Gesundheit / Auch ohne Impfpflicht droht ein Pflege-Desaster / Berlin und Brandenburg: Fachleute warnen vor dramatischer Personalnot in den kommenden Jahren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Gesundheit
Auch ohne Impfpflicht droht ein Pflege-Desaster
Berlin und Brandenburg: Fachleute warnen vor dramatischer Personalnot in den kommenden Jahren
Frank Bücker

Seit Mitte März gilt eine Impfpflicht bei Gesundheits- und Pflegeberufen. Arbeitgeber müssen den Gesundheitsämtern ihre ungeimpften Mitarbeiter melden. Die können daraufhin Bußgelder sowie Tätigkeits- und Betretungsverbote verhängen. Diverse Arbeitgeber haben aber bereits jetzt Personalprobleme und erklärten: „Ungeimpfte aus dem Verkehr zu ziehen, können wir als Pflegedienst nicht aushalten.“ 

Auch Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) räumt ein, dass die Durchsetzung der Impfpflicht zu Personalengpässen führt. Zwar ist Gote als entschiedene Impfpflichtbefürworterin bekannt, aber sie schränkt ein: „Mit Konsequenzen wie Bußgeld oder Tätigkeitsverboten ist erst in einigen Wochen zu rechnen. Berlin ist da kein Einzelfall, denn in den Bundesländern wird die Umsetzung der Teil-Impfpflicht unterschiedlich gehandhabt.“ Die brandenburgische Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) steht vor ähnlichen Problemen und versucht mit Drohungen und gutem Zureden, die Impfbereitschaft zu heben: „Unser Ziel ist es daher, noch möglichst viele ungeimpfte Beschäftigte in den betroffenen Bereichen von einer Impfung zu überzeugen“. 

In Berlin macht Gote die Rechnung indes ohne den Wirt, denn die Gesundheitsämter sind personell so schlecht ausgestattet, dass sie die ihnen zugedachten Aufgaben gar nicht ausfüllen können. Neben den Impfplänen von Gote und Nonnemacher plagen die Pflegeeinrichtungen noch reale Sorgen. Nach Erhebungen der Barmer Ersatzkasse (BEK) wird allein in Berlin die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit 164.000 bis 2030 auf 241.000 anwachsen, das seien 43.000 mehr als bislang angenommen. Das bedeute, dass dann 10.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt würden. 

42 Prozent denken an Weggang

Da altersbedingt viele Pfleger in den kommenden Jahren ausscheiden und die Fluktuation groß ist, wachsen die Personalprobleme der Heimbetreiber. Das Berufsportal Stepstone befürchtet, dass die Durchsetzung einer Impfpflicht für Impfunwillige Anreiz zum Branchenwechsel sei. Dort heißt es, dass ohnehin 42 Prozent der Beschäftigten in der Pflege dabei seien, sich beruflich umzuorientieren. 

Stepstone-Chef Sebastian Dettmers: „Wir erleben am Arbeitsmarkt gerade eine Zeitenwende. Die Herausforderung heißt ab sofort nicht mehr Arbeitslosigkeit, sondern Arbeiterlosigkeit.“ Inzwischen gibt es vermehrt Anzeigen von ungeimpften Pflegern, die sich als Mitarbeiter anbieten. Zwar behauptet der Sender rbb, dass es sich hier mutmaßlich um unechte Anzeigen von Impfgegnern handele, aber die „Berliner Morgenpost“ räumt ein, dass es auf Ebay-Kleinanzeigen 500 entsprechende Annoncen gebe. 

Christel Bienstein, Präsidentin des Pflegeberuf-Verbands DBfK: „Die aktuelle Debatte zeigt, wie dünn die Personaldecke in der Pflege ist.“ Gabriela Leyh, Landeschefin der BEK Krankenkasse, sieht die Lage ähnlich: „Mit verbesserten Arbeitsbedingungen muss es gelingen, Pflegekräfte länger im Beruf zu halten, beispielsweise mit Arbeitszeitmodellen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.“ Die zusätzliche Verschärfung der Lage durch die Impfpflicht ist noch nicht einmal berücksichtigt.