24.05.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Corona-Hilfen / Atom-Renaissance – aber ohne Deutschland / Während wichtige Industrieländer neue Kernkraftwerke bauen, hält die Ampel-Regierung weiter eisern am Atomausstieg fest

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Corona-Hilfen
Atom-Renaissance – aber ohne Deutschland
Während wichtige Industrieländer neue Kernkraftwerke bauen, hält die Ampel-Regierung weiter eisern am Atomausstieg fest
Robert Mühlbauer

Tesla-Chef Elon Musk hat eine dezidierte Meinung über den hiesigen Abschied von der Atomkraft. Es sei „verrückt, dass Deutschland seine Kernkraftwerke abschaltet“, befand der US-Multimilliardär jüngst in einem Interview. Außerhalb Deutschlands ist es tatsächlich schwer zu vermitteln, dass die Bundesregierung eisern daran festhält, Ende dieses Jahres die letzten verbliebenen drei Kernkraftwerke abzuschalten. Gerade in der jetzigen Situation wäre das heikel, weil möglicherweise Moskau den Gashahn zudreht. Deutschland befindet sich in einer schwierigen Lage: 55 Prozent des Erdgases importierte es bis zum Ukrainekrieg aus Russland. Moskau hat schon mit einem Lieferstopp gedroht, wenn der Westen nicht in Rubel zahlt.

Vergangenes Jahr lieferte Kernkraft in Deutschland noch zwölf Prozent des Stroms, nach der Abschaltung von drei Reaktoren zum Jahreswechsel dürften es etwa sechs Prozent sein. Wirtschaftsminister Robert Habeck ließ zwar im März, nach dem Ukraine-Angriff, eine Verlängerung der Laufzeiten der verbliebenen drei Kraftwerke prüfen. Die interne Prüfung des Wirtschafts- sowie des Umweltministeriums unter Steffi Lemke (Grüne) ergab jedoch, dass eine Verlängerung „zu riskant“ und „nicht möglich“ wäre. Der Verband Kernkraft Deutschland, dem die großen Atomkraftbetreiber angehören, widersprach dem und bezichtigte Habeck, die Unwahrheit zu sagen.

Mit seinem Atomausstieg ist Deutschland weltweit gesehen eine Ausnahme. Global stehen die Zeichen auf eine Atom-Renaissance mit dem Bau zahlreicher neuer Kraftwerke. In Frankreich verkündete Präsident Macron jüngst, dass er bis zu 14 neue Kernkraftwerke errichten wolle. Das Land westlich des Rheins deckt rund 70 Prozent seiner Stromerzeugung mit Atomkraft, auch wenn es bei einigen älteren Meilern immer wieder Probleme gibt. 

Im benachbarten Belgien hat die Regierungskoalition unter dem Eindruck des Ukrainekriegs den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen. Die Laufzeiten der Meiler werden von 2025 auf 2035 verlängert, so der Kompromiss, den der liberale Ministerpräsident Alexander De Croo erzielte. Auch die mitregierenden belgischen Grünen haben sich damit abgefunden.

Auch Finnland, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Slowakei planen oder bauen aktuell neue Atomkraftwerke. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat die Absicht, den Anteil der Kernenergie längerfristig zu erhöhen, er soll von aktuell 16 auf 25 Prozent steigen. Finnland ist mit dem Bau des ersten Endlagers weit fortgeschritten. Die EU-Kommission hat – sehr zum Verdruss der deutschen Grünen – Kernkraft zu einer „nachhaltigen“ Form der Energieerzeugung erklärt.

„Nachhaltige Energieerzeugung“

Im Vergleich mit anderen großen Wirtschaftsmächten außerhalb Europas wirkt der deutsche Beschluss zum Atomausstieg noch seltsamer. In den USA setzt Präsident Joe Biden auf Kernkraft, die derzeit rund 20 Prozent zum Stromerzeugungsmix beiträgt. Japan hat nach dem Reaktorunglück von Fukushima 2011 alle seine Atommeiler zeitweise runtergefahren, nach Modernisierungsarbeiten aber wieder angeschaltet. Ministerpräsident Kishida will an neuartigen Mini-Reaktoren forschen lassen.

Den bei Weitem größten Zubau von Nuklearkapazitäten sieht man in China. Das Land hielt zwar ebenfalls nach Fuku-shima inne, doch jetzt erlebt die Kernenergie ein gewaltiges Comeback. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten will Peking mehr als 150 neue Reaktoren bauen. China wird bald die USA als größte Atomstrom-Nation ablösen. Mehr als 200 Millionen Menschen in den chinesischen Megastädten werden dann durch nukleare Energiegewinnung versorgt. 

Weltweit sind derzeit 441 Atomreaktoren in Betrieb, von denen zwei Drittel älter als 30 Jahre sind; 50 Reaktoren werden neu gebaut, so die Zahlen der World Nuclear Association. 35 Neubauten entstehen in Asien, 15 in Europa mit Russland und der Türkei.

Erneuerbare Energien wie Windkraft und Solar werden zwar auch in anderen Ländern stark ausgebaut. Außer Deutschland findet sich aber keine große Wirtschaftsnation, die glaubt, allein mit der volatilen Energie aus Wind und Sonne ließe sich ein Industrieland verlässlich mit elektrischem Strom versorgen. Auf Gaskraftwerke als schnellen Ersatz kann sich Berlin auch nicht verlassen. 

Derzeit laufen in Deutschland nur noch die drei Atomkraftwerke: Isar 2 in Essenbach (Bayern), Emsland (Niedersachsen) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg). Einen Wiedereinstieg in die Atomkraft traut sich keine Partei laut zu fordern – bis auf die AfD. Ihr Antrag Ende 2021, die Abschaltung von drei AKW zu verhindern, wurde von allen anderen Bundestagsparteien abgelehnt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vollzog jüngst eine seiner berüchtigten Kehrtwenden. Nachdem er über Jahre Merkels Energiewende und Atomausstiegskurs unterstützt hatte, plädierte er nun für längere Laufzeiten. Einzelne FDP-Politiker wie der niedersächsische Fraktionschef Stefan Birkner haben sich dafür ausgesprochen, „ohne Tabus“ über die Kernkraft nachzudenken. Richtig spannend wird es aber, ob die Ampel-Koalition auch bei einem Gas-Engpass weiter am Atomausstiegskurs festhält. Dann könnte nämlich eine bedrohliche Energielücke auftreten.