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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Kommentar / Erdoğans Kalkül

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Kommentar
Erdoğans Kalkül
Bodo Bost

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Russen am 24. Februar in die Ukraine einmarschieren sah, ein Land das Russland zuvor als Brudervolk bezeichnet hatte, war er sicherlich geschockt. Erdoğan war knapp zwei Jahre zuvor zusammen mit Aserbeidschan, das er kurz zuvor auch als Brudervolk bezeichnet hatte, ins armenisch besiedelte Karabach eingefallen. Die 7000 Kriegsopfer auf beiden Seiten waren ihm egal. 

Seit Beginn seiner Amtszeit als Ministerpräsident 2003 versucht Erdoğan vermeintlich türkische und islamische Brudervölker zu sammeln, um gegen angebliche Feinde der Türken wie Griechen, Armenier und – je nach Wetterlage – Juden und Araber vorzugehen. Putins Angriffskrieg gegen ein angebliches Brudervolk muss ihn da gewaltig aus dem Konzept gebracht haben. Aber schnell hat der gewiefte Politiker am Bosporus in diesem Krieg seine Chance erkannt, sein international durch seine vielen Drohungen, Aggressionen und nicht gehaltenen Verträge und Zusagen ramponiertes Ansehen wieder aufzupolieren, und sich jetzt sogar als Vermittler anzudienen.  

Vor allem gegenüber der EU konnte Erdoğan gewaltig punkten, obwohl er keine Sanktionen gegen Russland mitgetragen hat und dadurch wirtschaftlich in seinem darbenden Land punktet. Noch vor kurzer Zeit hatte er im Mittelmeer im Konflikt um Schürfrechte nach Öl und Gas in EU-Gewässern alle EU-Länder gegen sich aufgebracht. 

Alle gegeneinander ausgespielt

Auch seine jahrelange Schaukelpolitik zwischen den USA und Russland drohte zu in einem De-facto-Ausstieg der Türkei aus der NATO zu werden. Denn Erdoğan hatte sich entschieden, die russische S-400-Raketenabwehr zu kaufen, weil er das Stillhalten der Russen in Syrien, wo er territoriale Ambitionen hat, braucht.

Die Verbündeten des Westens im Kampf gegen den IS-Terror, die Kurden, sind für Erdoğan dagegen die wahren Terroristen. Als Putin seinen Angriff auf die Ukraine startete, schien für Erdoğan der Moment gekommen, sich zwischen NATO und Putin entscheiden zu müssen. Doch anstatt sich zu entscheiden, spielt Erdoğan, wie so oft, beide gegeneinander aus und verkauft dies geschickt als Vermittlerdienste. 

Anfangs noch belächelt, stellte sich im Verlauf der Kriegswochen heraus, dass gerade sein Lavieren zwischen den Lagern plötzlich zu einem entscheidenden Pluspunkt geworden ist. Auf einmal lobt Erdoğan wieder die NATO und will auch wieder Mitglied der EU werden. Aber in Putin will er weiter keinen Feind sehen und verweigert deshalb auch Sanktionen, was ihm für seinen Wahlkampf im nächsten Jahr sicherlich Pluspunkte bringt. 

Die Ukraine hat er auf seiner Seite, weil Erdoğan ihr mit 20 Bayraktar-Drohnen die effizientesten Waffen im Krieg gegen Russland verkauft hatte, die schon im Karabachkrieg gegen die Armenier ihre Schlagkraft bewiesen hatten. Den Russen hat Erdoğan die Durchfahrt durch den Bosporus gesperrt und sich dabei auf ein Abkommen aus dem Jahr 1935 berufen, das Erdoğan im Streit mit Griechenland noch mit Füßen getreten hatte. Jetzt glauben alle Seiten Erdoğan sei ein ehrlicher Makler.

Er macht sein eigenes Ding

Der Präsident hatte als erster erkannt, dass der Krieg in der Ukraine nicht nach Russlands Plan läuft. Er hatte seinem Verbündeten, dem Aserbeidschaner Alijew, signalisiert, dass jetzt die Zeit ist, gegen Armenier und Russen gleichzeitig vorzugehen, weil beide geschwächt sind. Die Ukraine hatte noch, als die Krim zu ihr gehörte, der Türkei eine Art Schutzmachtfunktion über die Krimtataren zugesagt, etwas was Putin, der die Führung der Krimtataren nach 2014 wegsperren ließ, nicht machen würde. 

Die Krimtataren gehörten einst auch zum Osmanischen Reich, das Erdoğan wiedererstehen lassen will, und sie sprechen einen türkischen Dialekt. Wegen den Krimtataren, nicht wegen der Ukrainer, pocht der Staatspräsident auf die territoriale Integrität der Ukraine in den Grenzen vor 2014. 

Im Grunde nutzt Erdoğan geschickt das Versagen des Westens an allen Fronten, vor und nach 2014, aus, um sein eigenes Ding zu machen. Dass jetzt der Autokrat am Bosporus auf dem internationalen Parkett wieder als integrer Staatsmann gilt, der er in Wirklichkeit so wenig ist wie Putin, hat sich der Westen selbst zuzuschreiben.