24.05.2024

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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Kirchentextilien / Der Schatz aus der Marienkirche / Danziger Paramente – Lübeck erinnert an eine großartige Rettung aus der Stadt an der Mottlau

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Kirchentextilien
Der Schatz aus der Marienkirche
Danziger Paramente – Lübeck erinnert an eine großartige Rettung aus der Stadt an der Mottlau
Helga Schnehagen

Vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens in der Ukraine erhält die Rettung der Danziger Paramente von 1944 wieder eine gewisse Aktualität. Ein Großteil der kostbaren kirchlichen Textilien gehört heute als Dauerleihgabe der Union Evangelischer Kirchen (UEK) zu den Glanzlichtern des Lübecker St.-Annen-Museums.

Danzig und Lübeck sind als Hansestädte bereits seit dem Mittelalter eng miteinander verbunden. Mit etwa 7000 Bürgern lebt noch immer die größte Gemeinschaft der ehemals aus Danzig Geflohenen in Lübeck. Ähnlich wie der Literaturnobelpreisträger Günter Grass nahe Lübeck hatte Pfarrer Gerhard Gülzow (1904–1980) in der Hansestadt einen neuen Wohnort gefunden. Zuvor jedoch evakuierte er die kostbaren mittelalterlichen Textilien der Danziger Marienkirche. Einen Teil gab er Landsleuten mit auf die Flucht, einen Teil verschickte er per Möbelwagen, der jedoch in Thüringen stecken blieb. 

Damit wurde der Paramentenschatz unbeabsichtigt zwischen West- und Mitteldeutschland aufgeteilt. Während Pfarrer Gülzow bis 1959 insgesamt 103 westdeutsche Stücke in Lübeck wieder vereinen konnte, wurden die 183 mitteldeutschen Gewänder und Objekte 1961 an Polen übergeben, das sie seitdem im Nationalmuseum Danzig aufbewahrt. 

Die feinen Seiden und Granatapfelbrokate mit ihren Stickereien aus purem Gold waren einst von Danziger Bürgern und Kaufleuten für das eigene Seelenheil gestiftet worden. Dazu feierten um 1500 in Danzigs Marienkirche 123 Priester ständig an 47 Altären Messen. Den würdigen Rahmen schuf nicht nur die Ausstattung der Kirche, sondern auch die kostbare liturgische Gewandung.  

Mit der Reformation wurden die Textilien bedeutungslos. Zum Schutz vor Plünderung mauerte man sie in der Kirche ein. Erst zwischen 1791 und 1937 entdeckte man ihre Verstecke, etwa in Seitennischen, bei Bauarbeiten zufällig nach und nach wieder. Über sechs Jahrhunderte weder benutzt noch verändert, waren die Paramente ein einmaliger Schatz. Doch gerade in den ersten Jahren wurden viele der über 1000 Stücke verkauft und zerstreut, sodass auch das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, das Victoria and Albert Museum London oder das Kunstgewerbemuseum Berlin einzelne Stücke besitzen. 

Das in den Westen gerettete Gros war jahrelang in Lübecks Marienkirche zu sehen. 1990 wanderten die Textilien in die Paramentenkammer des St.-Annen-Museums, in der sie seit 2019 in einem konservatorisch passenden Raum, der die verschiedensten Künste des Mittelalters mit den Paramenten in einen Dialog bringt, in wechselnden Ausstellungen zu bewundern sind. Ihre Restaurierung ist eine eigene Geschichte, zu der Birgitt Borkopp-Restle in dem 2019 erschienenen Katalog „Der Schatz der Marienkirche zu Danzig“ buchstäblich jedem Faden auf den Grund geht (392 Seiten, 48 Euro).

Museumsquartier St. Annen, St.-Annen-Straße 15, 23552 Lübeck, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Sonderausstellung bis 3. Juli in der Kunsthalle: „Female View. Modefotografinnen von der Moderne bis zum digitalen Zeitalter“