24.05.2024

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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Konfliktforschung / Wo ein Krieg ist, das ist auch das Geld dafür da / Die Politikwissenschaftlerin Rosella Capella Zielinski hat die Methoden der Kriegsfinanzierung in den vergangenen 200 Jahren untersucht – und stieß auf unterschiedlichste Wege und Mittel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Konfliktforschung
Wo ein Krieg ist, das ist auch das Geld dafür da
Die Politikwissenschaftlerin Rosella Capella Zielinski hat die Methoden der Kriegsfinanzierung in den vergangenen 200 Jahren untersucht – und stieß auf unterschiedlichste Wege und Mittel
Wolfgang Kaufmann

Kriege kosten nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld. Viel Geld. Aber woher stammen diese immensen finanziellen Mittel? Welche Quellen zapfen die kriegführenden Staaten an? Die aussagekräftigste Studie hierzu legte die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Rosella Capella Zielinski von der Boston University mit ihrem 2016 erschienenen Buch „Wie Staaten für Kriege bezahlen“ vor. Darin analysiert die Autorin 39 Kriege der vergangenen 200 Jahre und identifiziert dabei zehn Strategien der Geldschöpfung zum Zwecke der Kriegführung.

Zum Ersten wären da natürlich die Steuern. Dieses Instrument erfreut sich allerdings keiner sonderlich großen Beliebtheit – was insbesondere für die Wohlhabenden gilt. Hohe Vermögen- und Einkommensteuern sorgen dafür, dass schnell Rufe nach einer Beendigung des Krieges laut werden. Deshalb erfolgt die Finanzierung von militärischen Konflikten eher über Verbrauchsteuern, welche die weniger Besitzenden treffen. Ansonsten braucht es für das Eintreiben von Steuern auch eine einigermaßen effiziente Verwaltung.

Existiert diese nicht oder sollen Steuererhöhungen vermieden werden, gehört die Aufnahme von Schulden zu den gängigsten Alternativen. 97 Prozent aller Kriegsparteien in Zielinskis Studie haben sich irgendwann Geld geliehen. So wie die USA, welche 4,8 Billionen Dollar für den „Krieg gegen den Terror“ ausgaben, aber gleichzeitig die Einkommensteuern senkten, was zu einer zusätzlichen Neuverschuldung von 14 Billionen Dollar führte.

Die Gefahr der Hyperinflation

Eine dritte Möglichkeit sind Zwangskredite. Ein Beispiel hierfür ist Griechenland. Wegen des ruinösen Krieges gegen die Türkei verfiel Finanzminister Petros Protopapadakis 1922 darauf, die Bürger zu zwingen, 100-Drachmen-Scheine in der Mitte durchzuschneiden und eine Hälfte für 50 Prozent des Wertes in Zahlung zu geben. Für den Rest erhielten die Leute dann staatliche Wertpapiere zur späteren Einlösung.

Zum Vierten können Kriege mit der Druckerpresse finanziert werden, also durch eine gezielt herbeigeführte Inflation infolge der Ausgabe von immer mehr Geld. Was natürlich zu fatalen Folgen führen kann, wie die Hyperinflation in Deutschland von 1923 zeigt, deren Grundstein bereits im August 1914 gelegt wurde, als man die Deckung der Reichsbanknoten mit Gold aufhob. Zielinski errechnete, dass in den Kriegen der vergangenen 200 Jahre die Währung der Konfliktparteien im Durchschnitt um die 30 Prozent an Wert verlor. Ebenso nützt es den Kriegführenden, wenn Dritte das erforderliche Geld nicht in Form von Krediten, sondern ohne Erwartungen bezüglich einer Rückzahlung zur Verfügung stellen. So überwiesen die USA bis 2017 immer wieder Milliarden von Dollar an Israel, um dessen Militäraktionen gegen die arabischen Nachbarn zu unterstützen. Früher gewährte die Sowjetunion Staaten der Dritten Welt ebenfalls Hilfszahlungen solcher Art, womit sie viele Konflikte in Asien und Afrika am Laufen hielt. 

Zum Sechsten können aber auch Länder Krieg führen, welche kaum Steuern erheben oder Schulden machen, keine Inflation kennen und von niemandem gesponsert werden. In diesem Falle kommen die landeseigenen Ressourcen ins Spiel, bei denen es sich meist um Rohstoffe handelt, deren Verkauf die Staatskasse füllt. Die Öl- beziehungsweise Gasförderländer Saudi-Arabien und Katar finanzieren ihren Feldzug im Jemen auf diese Weise – genau wie Russland seinen Ukrainekrieg. Laut Zielinski führen rohstoffreiche Staaten eher Krieg als „Habenichtse“. Und wer auf großen Ölquellen sitzt, zeigt sich besonders dann aggressiv, wenn der Ölpreis steigt.

Zum Siebten spült manchmal auch der Raub fremder Bodenschätze Geld in die Kriegskasse. Dass dies eine durchaus effektive Methode sein kann, demonstrierten Rebellengruppen in Afrika und der Islamische Staat (IS) im Irak und in Syrien. Der IS bedient sich an den Ölvorkommen der Region, während Bürgerkriegsparteien wie die UNITA in Angola Diamanten auf den Weltmarkt warfen und dabei prächtig abkassierten. In Liberia wurden Diamanten sogar direkt gegen Waffen eingetauscht. Zielinski zufolge lassen sich Kriege auf dieser Basis besonders schwer stoppen, weil es sehr viele Nutznießer gibt.

Eine eher archaische und brachiale Methode, an Geld zu kommen, sind Plünderungen. In der Antike war eine solche Form der Kriegsfinanzierung gang und gäbe – einschließlich des lukrativen Verkaufs von Kriegsgefangenen auf dem Sklavenmarkt. Dahingegen stellte sie in der Neuzeit eher die Ausnahme dar, obgleich es mehrere Versuche gab, die Goldreserven des Gegners zu kapern.

Kein Konflikt endete aus Geldmangel

Zum Neunten kann eine Kriegspartei auch dadurch an finanzielle Mittel gelangen, dass sie von privaten Sympathisanten aus dem Ausland Zahlungen erhält. Möglich wird dies unter anderem durch die Massenemigration: So schickten eritreische Auswanderer Geld in ihr ehemaliges Heimatland, welches dadurch in der Lage war, seine Nachbarn zu attackieren. 

Dabei geht es nicht immer ganz freiwillig zu, wie das Beispiel der in der Schweiz lebenden Tamilen zeigt: Diese mussten zwangsweise Kredite aufnehmen, um den Kampf der Tamil Tigers in Sri Lanka zu ermöglichen. Eine ganz neue Form dieser Art von Kriegsfinanzierung seitens nichtstaatlicher Gönner im Ausland wählte jetzt die ukrainische Regierung. Sie richtete ein Spendenkonto für Kryptowährungen ein, auf dem bislang bereits 63 Millionen Dollar eingingen.

Und zum Zehnten exportierten manche kriegführende Staaten auch Falschgeld, Drogen oder alte, aber noch funktionstüchtige Waffen, um Geld einzunehmen. Dergestalt verfuhren beispielsweise die Roten Khmer in Kambodscha während ihres Konflikts mit Vietnam.

Mit Blick auf all die zahlreichen Möglichkeiten der Kriegsfinanzierung gelangt Zielinski am Ende ihrer Studie zu dem Fazit: „Mir ist kein Krieg begegnet, der aus Geldgründen beendet wurde.“ In Anbetracht dessen stellt sich natürlich die Frage nach dem Sinn beziehungsweise der Wirksamkeit von Wirtschaftssanktionen, wie sie wegen des Ukrainekrieges gegen Russland verhängt wurden oder noch zusätzlich verhängt werden sollen.