24.05.2024

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Folge 15-22 vom 14. April 2022 / Flüchtlinge in der Oberlausitz / „Ich habe das Wichtigste bei mir“ / Kreba-Neudorf im bundesdeutschen Teil Niederschlesiens versucht, aus der Not der Ukrainer eine Tugend zu machen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-22 vom 14. April 2022

Flüchtlinge in der Oberlausitz
„Ich habe das Wichtigste bei mir“
Kreba-Neudorf im bundesdeutschen Teil Niederschlesiens versucht, aus der Not der Ukrainer eine Tugend zu machen
Chris W. Wagner

Es ist still am frühen Vormittag im Schlosspark von Kreba-Neudorf in der  Niederschlesischen Oberlausitz. Vögel zwitschern, und von weit weg hört man Kettensägen von Waldarbeitern. Vor dem Gemeindeamt, dem einstigen Wirtschaftsgebäude des Schlosses, haben zwei Jugendliche ihre Fahrräder abgestellt. Sie schleppen Pakete und Taschen in das Gebäude. Es sind Sachspenden für ukrainische Flüchtlinge. „Hier sammeln wir erst mal nur Kleidung und Hygieneartikel“, sagt Nadin Pohlank. 

Die ehrenamtlich tätige junge Mutter freut sich über jede Hilfe, vor allem seitens der Ukrainer selbst, die nach anstrengenden Tagen der Flucht froh sind, zugleich auch etwas Struktur in ihr Leben zu bekommen. „Die Verständigung klappt mit Google-Übersetzer, Händen und Füßen“, sagt sie, aber es wird gerade ein Kommunikationssystem eingerichtet. Wenn medizinische Hilfe benötigt wird, gibt es eine spezielle Telefonnummer. „Eine Mutti in Elternzeit, die tagsüber erreichbar ist, stellt sich von 8 bis 18 Uhr zur Verfügung. Ich muss heute noch jemanden kontaktieren, er arbeitet in der Pflege, im Schichtdienst, und steht auch nachts zur Verfügung.“

Im Schloss, das heute weitgehend als Schule fungiert, fanden drei Familien Unterkunft. In der Schulküche bereitet sich Katarina gerade einen Kaffee zu. Sie floh mit ihren drei Kindern aus Kiew und sagt: „Seit dem 13. März sind wir hier. Wir genießen die Ruhe, die Sicherheit, haben Betreuung, Essen, die Menschen sind freundlich, kümmern sich um uns.“

Katarina ist geschieden, ihre Eltern leben nicht mehr. Sie habe das Wichtigste bei sich, sagt sie: „Meine Kinder sind bei mir, und ich konnte sogar meinen kleinen Hund mitnehmen.“ In Kiew habe sie als Köchin in einem Restaurant gearbeitet und freut sich, dass sie jetzt auch in Kreba wieder kochen darf, und dass ihre größeren Söhne bald Unterricht bekommen werden. Das verspricht Bürgermeister Dirk Naumburger. Er hat bereits einen Klassenraum mit digitaler Tafel herrichten lassen. Nächste Woche soll es losgehen. Naumburger hatte vorgesorgt und ließ bereits bei der Busabholung von Flüchtlingen an der polnisch-ukrainischen Grenze gezielt nach Lehrern suchen – mit Erfolg. 

„Wir haben nun eine Familie hier, wo der Vati Physiklehrer ist, die Mutti Ukrainischlehrerin. Sie haben drei Kinder. Und die wollen wir so schnell wie möglich in diese Strukturen einbinden.“ Naumburgers Ziel: „Wenn wir Leute herholen, dann geht es auch darum, sie langfristig hier wohnen zu lassen, zu integrieren, sie Teil der Dorfgemeinschaft werden zu lassen.“ Nachdem das Sorbische im Ort faktisch ausgestorben ist, könnte nun ein anderes slawisches Idiom den Ort mitprägen. Der Bürgermeister sieht eine Integration dabei auch als ein Element gegen die allgemeine Landflucht und rechnet vor: „Der Freistaat rechnet damit, dass 80.000 Menschen aufgenommen werden müssen. Heruntergebrochen auf unsere Gemeinde hieße das bei einer gleichmäßigen Verteilung, dass wir 30 Menschen aufzunehmen hätten. Diese Zahl haben wir mit den 

38 Flüchtlingen schon jetzt überschritten. Bei 40 oder 50 würde es die Manpower und die finanziellen Mittel deutlich überstrapazieren.“

Integration gegen Landflucht

Die ukrainischen Flüchtlinge seien Städter und wollten anfangs weiter nach Dresden, berichtet Naumburger. „Aber sie haben gemerkt, wir haben schöne Natur, Infrastruktur; sie haben schon ein Gefühl bekommen, wie wir hier im Dorf ticken, dass wir sehr viel gemeinsam machen. Ich glaube, dass sie länger bleiben, wenn man sie einbindet. Wir können das sehr negative Ereignis – den Krieg – abfedern, indem wir den Menschen die Möglichkeit geben zu leben, statt nur einen Aufenthalt zu schaffen.“ Im Ort leben noch viele Ältere, die aus Schlesien vertrieben wurden und auch hier gestrandet sind. „Mit solchen Erfahrungen kann man vieles besser nachvollziehen“, sagt er. 

Gegenüber 2015 sieht Naumburger deutliche Unterschiede: „Damals kamen Menschen, die uns aus einer anderen Kultur stammend fremd waren. Es kamen junge Männer, die in ihrem Kulturkreis eine andere Rolle der Frau gesehen und persönliche Ansprüche hatten. Das erleben wir jetzt überhaupt nicht.“ Und so sei auch die Bereitschaft zu helfen deutlich höher als 2015. Der Bürgermeister ist Fußballtrainer bei der SG Kreba-Neudorf und möchte nun die ukrainischen Kinder mit in das Training nehmen, „damit sie einen geregelten Tagesablauf haben“. Damit die Integration möglichst reibungslos abläuft, hat der Bürgermeister ein Organigramm mit den Zuständigkeiten und ein Spendenkonto auf der Gemeindehomepage „gemeinde-kreba-neudorf.de“ eingerichtet.