21.04.2024

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Folge 18-22 vom 06. Mai 2022 / Kommentar / Ungleiches Gedenken

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-22 vom 06. Mai 2022

Kommentar
Ungleiches Gedenken
Bodo Bost

Das bekannte und bei Touristen sehr beliebte Denkmal der Völkerfreundschaft mit dem 60 Meter breiten Regenbogen (Raduga) wurde in den Jahren 1978 bis 1982 an Stelle einer Freilichtbühne zur Zeit der Sowjetunion in Vorbereitung auf die 1500-Jahr-Feier von Kiew errichtet. Es steht in der Nähe des Denkmals von „Wladimir dem Täufer“, der 988 die Kiewer Rus getauft hatte. Das Völkerfreundschaftsdenkmal, das die Verbundenheit der „Brudervölker“ der Ukrainer und der Russen symbolisiert, besteht aus drei Elementen. 

Das größte Denkmal stellt einen Regenbogen dar. Er soll die Verbindung der beiden Völker symbolisieren. 

Das zweite Denkmal ist das aus Granit gehauene Perejaslaw-Denkmal und erinnert an den 1654 geschlossenen Vertrag von Perejaslaw, bei dem die Saporoger Kosaken einen Treueeid auf Zar Alexeij I. ablegten. Das Denkmal zeigt den ukrainischen Hetman Bohdan Chmelnyzkyj, einige Kosaken und den russischen Gesandten Wassili Buturlin. 

Das dritte Denkmal war eine 6,20 Meter hohe Bronzeskulptur, die einen russischen und einen ukrainischen Arbeiter darstellte, die zusammen das Band der sowjetischen Völkerfreundschaft nach oben halten. Diese Bronze-Skulptur wurde unlängst auf Anordnung von Bürgermeister Vitali Klitschko abgebaut.

Denkmalabbau in Kiew

Der Regenbogen, der bereits 2018, am ukrainischen Gedenktag des Hungers während der Sowjetzeit (Holodomor) mit einem geklebten Riss versehen worden war, um auf die zu diesem Zeitpunkt in Russland und auf der Krim inhaftierten Ukrainer wie den Filmregisseur Oleh Senzow aufmerksam zu machen, wurde zu einem ukrainischen Freiheitsbogen umgewidmet 

Noch andere Denkmäler sollen folgen, darunter das bombastische Denkmal des Sieges über Deutschland, das von allen Teilen der ukrainischen Hauptstadt aus sichtbare „Rodina Mat“ (Mutter Vaterland) am Stadtrand von Kiew. Die um das Denkmal stehenden Panzer und anderes Militärmaterial aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die in Friedenszeiten ein beliebtes Ausflugsziel gerade im Frühjahr waren, sind schon im Vorfeld des Ukrainekrieges entfernt worden und sollen zum Teil wieder im Einsatz sein. Nun wird es auch bald, möglichst noch vor dem Siegestag, dem 9. Mai, der gigantischen „Rodina Mat“, die ein Schwert in den Himmel schwingt, an den Sockel gehen.  

Ambivalente Siegesfeier in Moskau

In Russland ist die Erinnerungskultur Teil der Geschichtsrevision ihres Präsidenten Wladimir Putin geworden. Für seinen Anspruch auf imperiale Größe hat die Glorifizierung des Sieges über Deutschland im „Großen Vaterländischen Krieg“ ebenso wie die Sakralisierung sowjetischer Geschichte eine wichtige Bedeutung. In der Ukraine hat man erkannt, dass sich der Kremlchef seit Jahren als einziger Erbe des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“ inszeniert. Dieses Erbe spielt auch eine zen-trale Rolle bei der Inszenierung des aktuellen Krieges gegen die Ukraine.

Der Angriff auf die Ukraine vom 24. Februar wird analog zu dem 1941 begonnenen deutsch-sowjetischen Krieg als ein erneuter „Kampf gegen den Faschismus“ dargestellt. Kriegsziel ist laut der russischen Propaganda die „Entnazifizierung der Ukraine“. Der Termin des Kriegsbeginns, der 24. Februar, könnte mit dem Hintergedanken ausgesucht worden, am 9. Mai die Siegesparade, angesichts der hohen Symbolkraft dieses Datums im russischen Nationalmythos, womöglich sogar in Kiew abhalten zu können. 

Eine von Siegesfeiern unabhängige Gedenkkultur für die Kriegstoten, vergleichbar mit den Volkstrauertagen in vielen anderen Ländern, gibt es in Russland bislang nicht. Bei der diesjährigen Siegesfeier könnte es jedoch angesichts der unerwartet hohen Verluste der „Spezialoperation“, die höher sind als die im gesamten Afghanistankrieg der Sowjetunion, auch um eine Rechtfertigung für die Opfer gehen, die man nicht mehr verstecken kann. Bei den bisherigen Siegesfeiern zum 9. Mai wurde an die Verluste von Putins imperialen Feldzügen, sei es in Georgien oder dem Donbass nicht erinnert, wurde ihrer nicht gedacht. Das dürfte diesmal auch anders sein, weil es bereits zu viele sind, auch hochrangige Generäle und Kommandeure, die in der Ukraine ihr Leben gelassen haben.