20.05.2024

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Folge 18-22 vom 06. Mai 2022 / Goetheanum / Steiners esoterischer Kulturpalast

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-22 vom 06. Mai 2022

Goetheanum
Steiners esoterischer Kulturpalast
H. Tews

Der Anthroposoph Rudolf Steiner gilt gemeinhin als Gründer der Waldorfschulen. Weniger bekannt ist indes, dass auch eine sogenannte anthroposophische Architektur auf ihn zurückführt, deren geometrische Formen sich eines fließenden, an der Natur orientierten Stils ganz im Sinne der damaligen Reformbewegung war.

Steiner war ein Anhänger Goethes und gab im Rahmen der Sophienausgabe der sämtlichen Werke des Dichters dessen naturwissenschaftliche Schriften mit heraus. Da er vor allem von Goethes „Farbenlehre“ wichtige Impulse für seine esoterische Anschauung empfing, wollte er den Dichter durch ein monumentales Kulturzentrum ehren. Nachdem ein Projekt in München gescheitert war, konnte man dieses in dem im Schweizer Kanton Solothurn gelegenen Ort Dornach nach Plänen Steiners realisieren. Das an einen Dom mit zwei Kuppeln erinnernde Erste Goetheanum wurde während des Ersten Weltkriegs erbaut und 1920 eröffnet. 

Allerdings hatte der Bau nur gut zwei Jahre lang Bestand. Denn in der Silvesternacht 1922/23 brannte er vollständig nieder. Anlässlich des 100. Jahrestages der vermutlich durch Brandstiftung verursachten Zerstörung untersuchen Fachleute jetzt den künstlerischen Gestaltungsimpuls der Metamorphose in Architektur, Skulptur, Malerei und Glaskunst.

„Es ist ein Gebäude, in dem die gesamte Essenz der Anthroposophie in künstlerischer Form sichtbar geworden ist“, beschreibt Christiane Haid die Besonderheit des Ersten Goetheanums. Sie leitet die Sektionen für Bildende Künste und für Schöne Wissenschaften und ist Initiatorin der Videoreihe „Das Erste Goetheanum als Gesamtkunstwerk“. 

Haid hat für die Reihe Fachleute eingeladen, von ihren Forschungen zum Kulturimpuls aus Sicht von Architektur, Skulptur, Malerei und Glasradierkunst zu berichten. Dabei wird deutlich, wie das Gebäude nicht nur Gesamtkunstwerk, sondern Anreger für Gestaltungsprinzipien und Lebensformen sein wollte.

Steiner hielt nach dem Brand verbissen an einem Nachfolgebau fest. Den von ihm künstlerisch weiterentwickelten Metamorphosegedanken Goethes, der in der Bauform und Farbgestaltungen des Ersten Goetheanums sichtbar war, hat man in Dornach mit dem Zweiten Goetheanum – wiederum nach architektonischen Modellen Steiners – realisiert. 1928, drei Jahre nach Steiners Tod, wurde dieser wie eine Trutzburg wirkende Bau eröffnet – und steht bis heute.

Videoreihe Das Erste Goetheanum als Gesamtkunstwerk im Internet: www.goetheanum.tv