03.03.2024

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Folge 21-22 vom 27. Mai 2022 / Vom Glücksritter zum Bestsellerautor / Vor 150 Jahren starb Friedrich Gerstäcker – Seine Abenteuerromane aus der Neuen Welt waren später Vorbild für Karl May

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-22 vom 27. Mai 2022

Vom Glücksritter zum Bestsellerautor
Vor 150 Jahren starb Friedrich Gerstäcker – Seine Abenteuerromane aus der Neuen Welt waren später Vorbild für Karl May
Dagmar Jestrzemski

Ab dem frühen 19. Jahrhundert drangen Scharen von reisefreudigen Pionieren und Glücksrittern aus der Alten in die Neue Welt vor. Einer von ihnen war der am 10. Mai 1816 in Hamburg geborene Schriftsteller Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker. Er führte von 1837 bis 1843 ein abenteuerliches Leben in Nordamerika und machte später noch vier Weltreisen.

Seine Erlebnisse verarbeitete er in 44 Romanen und zahlreichen Reisebildern, die er großenteils in der Zeitschrift „Gartenlaube“ veröffentlichte. Bestseller wie „Die Regulatoren in Arkansas“ und „Die Flußpiraten des Mississippi“ wurden ins Englische übersetzt und sind noch heute viel gelesene Abenteuerklassiker.

Während der Vorbereitungen für eine große Asienreise starb Friedrich Gerstäcker am 31. Mai 1872 in Braunschweig. Schon kurz darauf war der gefeierte Buchautor weitgehend vergessen. Eine weniger wirklichkeitsnahe, zur Kolportage tendierende Gattung von Abenteuerromanen setzte sich durch. Gerstäckers für Erwachsene geschriebene Romane und Erzählungen erhielten ersatzweise den Rang von Jugendbuchklassikern. So stiftete die Stadt Braunschweig 1947 den inzwischen renommierten, zweijährlich verliehenen Gerstäcker-Preis für Jugendbuchautoren.

Der Biograf Thomas Ostwald charakterisierte den äußerst produktiven Autor als unruhigen Geist, der es nie lange an einem Ort aushielt: „War er irgendwo, fühlte er sich kurze Zeit wohl, wollte aber weiter, wollte mehr sehen, mehr erleben.“ 

Seine lebhafte Phantasie, angeregt durch den Defoes-Klassiker „Robinson Crusoe“ und die „Lederstrumpf“-Erzählungen von James Fenimore Cooper, weckten in ihm den Wunsch nach einem unabhängigen Leben. Er wollte nach Nordamerika auswandern. Zuvor absolvierte er noch auf Bitten seiner Mutter eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Rittergut Doeben bei Grimma als Vorbereitung für den Beruf eines Farmers. 

In New York angekommen, wurde der junge Mann um seine Habseligkeiten gebracht. Sein Mut war dadurch nicht gebrochen. Er zog weiter, arbeitete als Heizer auf Dampfbooten, war Farmersknecht, Silberschmied, Papierschachtelfabrikant, Schokoladenhersteller, Zimmermann und Koch. In seinem 1844 erschienenen, romanhaft gestalteten Reisebericht „Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika“ berichtete er: „Ich durchquerte die ganzen Vereinigten Staaten quer durch von Kanada bis Texas zu Fuß, arbeitete unterwegs, wo mir das Geld ausging, und blieb endlich in Arkansas, wo ich ganz und allein von der Jagd lebte, bis ich dort halb verwilderte.“ 

Ein Gerstäcker-Tag in Arkansas

Mehrfach geriet er in Lebensgefahr durch hohes Fieber, Regen, Schnee, Kälte, Jagdunfälle und Verletzungen durch Angriffe von Raubkatzen und Bären. Zurück in der Zivilisation, arbeitete er in Louisiana in einem Hotel und verdiente sich das Geld für eine Schiffspassage von New Orleans nach Bremen.  

Seinen Unterhalt bestritt er durch Übersetzungen aus dem Englischen, dann durch eigene Erzählungen, die er in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte. Der Durchbruch gelang ihm 1846 mit den „Regulatoren von Arkansas“. Die Handlung dreht sich um Viehdiebstahl, Versagen der örtlichen Justiz und Lynchmorde, typische Themen der späteren Wildwestfilme. Die Schilderungen der Geschehnisse vor einem lokalgeschichtlichen Hintergrund zeichnen sich durch scharfe Beobachtungen und Gesellschaftskritik aus.

Auch im US-Bundesstaat Arkansas würdigte man den kulturhistorischen Wert dieser Darstellungen. 1957 wurde Gerstäcker posthum zum Ehrenbürger ernannt und seit 1986 gilt der 10. Mai im US-Bundesstaat Arkansas als „Friedrich Ger­stäcker Day“.

1845 hatte der Weltenbummler geheiratet und war von Dresden nach Leipzig umgezogen. Dennoch brach er 1849 erneut auf. Der Goldrausch lockte ihn nach Kalifornien, aber er erkannte schnell die geringe Aussicht der Goldsucher auf reiche Ausbeute. Lieber frönte er wieder seiner Jagdlust. Er bestieg einen Walfänger mit Kurs auf Hawaii. Über Tahiti, die von den Europäern als Südseeparadies gerühmte Insel, führte seine Route weiter nach Südostaustralien. Mit einem selbst gebauten Boot folgte er zuerst mit einem Gefährten, die meiste Zeit aber allein einem Flusslauf durch die Wildnis, insgesamt 600 Meilen ohne Weg und Markierungen. Über Java kehrte er 1852 zurück und ließ sich in Gotha nieder.

Mit eiserner Disziplin arbeitete er täglich acht Stunden an seinem Schreibtisch und schrieb weiter Romane, Erzählungen und Berichte. In den 1850er Jahren war Gerstäcker einer der meist gelesenen Abenteuer- und Reiseschriftsteller. In seinem Freundeskreis war er als Gerechtigkeits- und Wahrheitsfanatiker bekannt, dem Liebedienerei, Standesunterschiede und Bedientenberufe zutiefst zuwider waren. Gleichwohl zog er 1854 in das Schloss Rosenau, wo er dauerhafter Gast seines Gönners Herzog Ernst II. von Coburg war. 1862 nahm er an einer Reise des Herzogs nach Ägypten und Eritrea teil. 

Über seine letzte große Reise 1867/68 schrieb er das dreibändige Werk „Neue Reisen durch die Vereinigten Staaten, Mexiko, Ecuador, Westindien, Venezuela“. Zuletzt lebte er wieder in Braunschweig, wo er seine Jugendjahre verbracht hatte, und nahm als Kriegsberichterstatter am Deutsch-Französischen Krieg teil. 

Später bediente sich Karl May ungeniert an Gerstäckers packenden Schilderungen. Seine Sattelhelden des wilden Westens und der edle Indianer Winnetou sind Gerstäckers meisterlichen Charakterdarstellungen von Originalen nachempfunden, denen Letzterer selbst begegnet war. Ebenso verwendete Karl May auch dessen Landschaftsbeschreibungen und übernahm mit den häufig eingestreuten Erzählungen der Jagdgefährten aus früheren Zeiten ein typisches Gestaltungsmittel aus Gerstäckers Romanen. Kurz vor seinem Tod hatte dieser selbst noch eine 44-bändige Gesamtausgabe seiner Werke für den Verlag von H. Costenoble Jena eingerichtet. In seinem Sterbeort Braunschweig gab es bis 2016 noch ein Gerstäcker-Museum, das man aber bei einem virtuellen Rundgang im Internet weiterhin erleben kann: www.thomasregnat.de/gerstaecker/0101.html