30.05.2024

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Folge 27-22 vom 08. Juli 2022 / Solarbranche / „Kein Standort ist so verletzlich wie Deutschland“ / Der Notfallplan Gas versetzt Familienunternehmen mit hohem Energieverbrauch in Panik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-22 vom 08. Juli 2022

Solarbranche
„Kein Standort ist so verletzlich wie Deutschland“
Der Notfallplan Gas versetzt Familienunternehmen mit hohem Energieverbrauch in Panik
Hermann Müller

Seit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die zweite Eskalationsstufe im Notfallplan Gas ausgerufen hat, wächst in der deutschen Industrie die Sorge, durch weiter steigende Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. 

Europas größter Produzent von Solarglas, die Glasmanufaktur Brandenburg, warnt vor einem Stopp der Produktion mit schweren Folgen für die Solarbranche. Das Unternehmen im Süden Brandenburgs produziert nach eigenen Angaben täglich 300 Tonnen Glas für Photovoltaik und Solarthermie. Der Gasverbrauch des Unternehmens liegt bei 420.000 Kilowattstunden Gas täglich. Wie der Sender rbb berichtet, sind für das Unternehmen die Energiepreise seit Februar um 120 Prozent gestiegen. Diese Kostenerhöhung lässt sich nicht auf die Kunden umlegen, da diese solche Preise nicht bezahlen würden, so der Geschäftsführer der Glasmanufaktur, Nicco Succolowksy.

Die Bundesnetzagentur habe ihm geraten, er solle sich darauf vorbereiten, die Schmelzwanne der Glasmanufaktur im Ernstfall innerhalb von 30 Tagen herunterzufahren. Die Auswirkungen eines Herunterfahrens wären allerdings so weitreichend, dass das Unternehmen auf eine Ausnahmegenehmigung hofft. Das Unternehmen in der Lausitz ist mittlerweile der einzige Solarglasproduzent in Europa: „Wir reißen die ganze Solarindustrie mit. Es gibt keinen Lieferanten mehr von Solarglas“, so Produktionsleiter Karsten Zeisig. Das Herunterfahren der Schmelzwanne käme einer „Katastrophe“ gleich: „Ist die Wanne kalt, dauert es 18 Monate, sie wieder anzufahren.“

Der Spezialglashersteller ist mit seinem Versorgungsproblem kein Einzelfall. Die Stiftung für Familienunternehmen wies Ende Juni darauf hin, dass „kein Standort bei Energie so verletzlich wie Deutschland“ ist. Schon bisher war das Land beim Strom eine Hochpreisinsel. Zu diesem Wettbewerbsnachteil für die hiesigen Unternehmen treten nun noch hohe Importrisiken bei Energie. Als Folge wird das Land gerade für energieintensive Branchen als Standort sehr unattraktiv, so die Stiftung Familienunternehmen. Die Stiftung hatte das ZEW Mannheim – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mit einer Untersuchung beauftragt, bei der die Folgen eines Gas-Embargos oder eines russischen Lieferstopps abgeschätzt werden sollten. Der Vergleich von 16 EU-Ländern sowie der USA, Kanada, Japan, Großbritannien und der Schweiz ergab, dass sich die Preiseffekte der Energiekrise bei Strom und Gas bislang weitgehend auf europäische Standorte beschränken. In Europa sind es Deutschland und die Niederlande, die sich immer stärker zu einer „Hochpreisinsel“ entwickeln. 

Sollte es zu einer Eskalation der Energiekrise kommen, dann sind laut dem ZEW Mannheim Italien und Deutschland im G7-Vergleich besonders verwundbar. Als Branchen mit den höchsten Risiken bei einer Versorgungskrise identifizierten die Studienautoren die Metallindustrie, die chemische Industrie sowie die Herstellung von Papier und Pappe.