22.05.2024

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Folge 27-22 vom 08. Juli 2022 / Weltgeschichte / Vom Glanz und Untergang der großen Imperien / Ob das Perserreich, das Imperium Romanum oder das Britische Empire: Jedes dieser gigantischen Staatsgebilde fiel irgendwann in sich zusammen. Warum eigentlich? Es gibt etliche Parallelen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-22 vom 08. Juli 2022

Weltgeschichte
Vom Glanz und Untergang der großen Imperien
Ob das Perserreich, das Imperium Romanum oder das Britische Empire: Jedes dieser gigantischen Staatsgebilde fiel irgendwann in sich zusammen. Warum eigentlich? Es gibt etliche Parallelen
Wolfgang Kaufmann

Glaubt man den Historikern, gab es mehr als 200 Gründe für den Kollaps des Römischen Reiches, darunter Apathie, Bleivergiftung, Charakterlosigkeit, Despotismus, Entgötterung, Feinschmeckerei, Gladiatorenwesen, Hybris, Inflation, Kulturneurose, Lethargie, Malaria, Nivellierung der Kultur, Orientalisierung, Prostitution, Quecksilbervergiftung, Rekrutenmangel, Sittenverfall, Traurigkeit, Überalterung, Verpöbelung, Wehrdienstverweigerung und Zentralismus. Dabei war das dergestalt geschwächte Imperium Romanum keineswegs das einzige Imperium der Geschichte: Ein solch ausgedehntes Reich zu errichten, ist zwar eine politisch-kulturelle und militärische Leistung ersten Ranges, gelang aber auch zahlreichen nichtlateinischen Völkern beziehungsweise Herrschern.

Als erstes Imperium der Geschichte gilt das durch Sargon von Akkad im 3. Jahrtausend v. Chr. geschaffene Großreich, das sich über Syrien und Mesopotamien erstreckte. Dem folgten rund drei Dutzend weitere altorientalische, antike, mittelalterliche, neuzeitliche sowie außereuropäische Imperien, darunter die Reiche der Babylonier und Assyrer, das Persische Reich, Urartu und das Reich der Hethiter, das Pharaonen-Reich, das Attische Seeimperium, das Reich Alexanders des Großen, die Reiche der Parther, Sassaniden und Byzantiner, diverse arabisch-islamische Großreiche und die Imperien der indischen Großmoguln, chinesischen Kaiser und osmanischen Sultane, das spanische Weltreich, das Britische Empire sowie das Großreich der Zaren, welches dann die Sowjets erbten.

Eine Reihe von Gemeinsamkeiten

All diese Gebilde hatten bestimmte gemeinsame Merkmale, obwohl sie durch verschiedene Herrschaftsformen geprägt waren: Es gab keinen formellen Gründungsakt wie bei den Nationalstaaten und häufig auch keine exakt definierten Grenzen, sondern lediglich die Tendenz zur permanenten Ausdehnung. 

Andererseits entstanden Imperien nicht nur durch militärische Expansion. Gleichermaßen Bedeutsamkeit erlangte die kulturelle und wirtschaftliche Überlegenheit. Des Weiteren waren Großreiche zumeist multiethnisch und multireligiös verfasst, wobei die Eliten aber ein erhebliches Sendungsbewusstsein entwickelten, wenn es um die Durchsetzung ihrer Leitkultur ging. 

Ebenso besaßen Imperien stets ein starkes politische Zentrum, das sowohl den Herrschaftsanspruch im Inneren durchsetzte als auch die Abwehr gegen äußere Bedrohungen organisierte. Und dennoch kollabierten die Imperien der Vergangenheit letztlich allesamt nach einer mehr oder minder langen Zeit des Bestehens, wobei es sich empfiehlt, bei der Ursachenforschung etwas tiefgründiger vorzugehen.

So muss zunächst zwischen äußeren und inneren Faktoren unterschieden werden. Zu den Letzteren zählten beispielsweise Aufstände und Palastrevolten. Diese resultierten oft aus Willkür, Tyrannei und Unfähigkeit der Herrscher oder aus Machenschaften degenerierter Eliten. Manchmal sorgte der plötzliche Tod einer starken Führungspersönlichkeit für politische Instabilität. Oder es verschwanden Feinde von der Bildfläche, deren Existenz bisher integrierend gewirkt hatte. Nachteilig waren zudem Traditionsbrüche, die zur Entfremdung zwischen den einzelnen sozialen Gruppen führten.

Hinzu kamen in vielen Fällen zentrifugale Bestrebungen an der Peripherie eines Imperiums oder in einzelnen Regionen, beispielsweise durch Separatisten oder Nationalbewegungen in heterogenen Vielvölkerreichen. Diese lösten nicht selten Flächenbrände aus, welche am Ende das ganze Reich erfassten. Imperien, die auch Kolonien besaßen, zerfielen zudem oft sehr schnell, wenn sich die überseeischen Gebiete vom Mutterland lossagten.

Selbst ein Sieg kann Unheil bringen

Und dann wäre da noch die „Imperiale Überdehnung“: Wenn ein Großreich seine materiellen und personellen Ressourcen an zahllosen Orten zugleich einsetzen will oder muss beziehungsweise ungehemmt weiter zu expandieren versucht, kann das zu einer Überbeanspruchung führen, die dann den Niedergang des Imperiums einleitet. So wie im Falle des Britischen Empire, das zeitweise ein Viertel der Landfläche der Erde umfasste.

Dazu kommen die äußeren Faktoren. Viele Imperien kollabierten aufgrund von militärischen Niederlagen gegen konkurrierende Großmächte. Im Falle des Aztekenreiches wurde der Untergang noch dadurch befördert, dass die relativ kleine Gruppe von Spaniern diverse Krankheiten nach Mexiko einschleppte, welche die Widerstandskraft der Azteken schwächten.

Anderen Imperien wiederum gerieten Umweltereignisse zum Verhängnis. Beispielsweise brach gleich das erste Großreich der Weltgeschichte, welches durch Sargon von Akkad zur Mitte des 24. Jahrhunderts v. Chr. begründet worden war, nach nur 150 Jahren zusammen, weil es unter einer langanhaltenden Dürre litt. Die daraus resultierenden Missernten erschwerten die Versorgung der Armee und führten zu geringeren Staatseinnahmen. Da bedurfte es nur noch einiger Aufstände in der Provinz sowie der Invasion der Gutäer und das Reich von Akkad verschwand.

Der Einfall von Fremdvölkern, die selbst noch keine Imperien beziehungsweise Hochkulturen hervorgebracht hatten und deshalb als „Barbaren“ galten, aber dennoch über das nötige militärische Potential verfügten, war auch sonst ein häufiger Grund für den Zerfall von Imperien. Eindringlinge der verschiedensten Art besiegelten unter anderen das Schicksal der Großreiche der Babylonier, Hethiter und Urartäer sowie des Imperium Romanum und des Byzantinischen Reichs.

All dies ist eine Warnung an die Adresse der derzeit noch existierenden De-facto-Imperien der USA, Russlands und Chinas sowie auch der Europäischen Union, sofern man Letztere – wie manche Politikwissenschaftler es tun – als „Postmodernes Imperium“ einstuft: Am Ende imperialer Ambitionen stand bislang stets der Kollaps. Was besonders für den Fall galt, dass ein Imperium unüberlegt Krieg führte. Dann konnten selbst Siege zum Zusammenbruch führen, wie das Beispiel des Britischen Empire nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt.