21.05.2024

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Folge 27-22 vom 08. Juli 2022 / Cholera in Ostpreußen / Rebellion gegen die Pandemie-Maßnahmen / Grenzsperrungen und Reiseverbote bei Androhung der Todesstrafe bei Zuwiderhandlung – In Königsberg kam es 1831 zum Aufstand

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-22 vom 08. Juli 2022

Cholera in Ostpreußen
Rebellion gegen die Pandemie-Maßnahmen
Grenzsperrungen und Reiseverbote bei Androhung der Todesstrafe bei Zuwiderhandlung – In Königsberg kam es 1831 zum Aufstand
Wolfgang Kaufmann

Zwischen 1817 und 1923 kam es zu sechs Cholera-Pandemien, die ihren Ausgangspunkt in Asien hatten. Die zweite Welle traf dann auch Europa. In ihrem Verlauf starben solche bekannten Persönlichkeiten wie der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel sowie die preußischen Heeresreformer Carl von Clausewitz und August Graf Neidhardt von Gneisenau. In Preußen trat die bakterielle Infektionskrankheit des Darmes erstmals im Mai 1831 auf. Die Einschleppung erfolgte höchstwahrscheinlich durch Personen mit Kontakten zu den wegen des polnischen Novemberaufstandes zusammengezogenen russischen Truppen in der Nähe der ostpreußischen Grenze. Mitte Juli 1831 erreichte die Seuche Pillau und Memel sowie am 23. Juli schließlich auch Königsberg.

Zur Eindämmung der „Asiatischen Cholera“ hatte der preußische Staat zahlreiche Maßnahmen verfügt. Beispielsweise erging am 5. April ein Erlass bezüglich der Schaffung von „Sanitäts-Commissionen“ in jeder größeren Ortschaft. Dem folgten am 23. Mai Anordnungen zur Meldepflicht seitens der behandelnden Ärzte. Dazu kamen noch drastische Hygienevorschriften. 

So sollten alle Erkrankten durch „Reinigungsknechte“ in Hospitäler gebracht und die Choleratoten schnell und ohne Anwesenheit der Hinterbliebenen beerdigt werden. Zudem gab es Grenzsperrungen und Reiseverbote, bei deren Missachtung sogar die Todesstrafe drohte. Gleichzeitig handelten die Behörden aber inkonsequent, indem sie die Transporte im Auftrag der russischen Armee weiter passieren ließen. Das führte zu vielfältigen Protesten. Der Direktor der Anatomischen Anstalt der Albertus-Universität Königsberg, Karl Friedrich Burdach, kritisierte ganz offen den „Unverstand“ vieler Anweisungen und meinte: „Es scheint gefährlich, Verordnungen zu erlassen, von welchen vorauszusehen ist, dass sie nicht zur Ausführung kommen.“ Außerdem sagte der Mediziner „eine Gärung unter dem Volke“ voraus. Und die trat in Königsberg tatsächlich dann auch bald auf.

Gerüchte um vergiftete Kranke

Der letzte Auslöser hierfür waren Gerüchte, dass die Ärzte keinen Finger rühren würden, um mittellose Erkrankte zu retten, oder diese gar vergifteten, weil sie vom preußischen König zwei bis drei Taler für jeden verstorbenen Armen erhielten. Ein „Beweis“ hierfür schien der Tod eines Zimmermanns aus Sackheim zu sein, der freilich nur deswegen das Zeitliche gesegnet hatte, weil er es nicht unterlassen konnte, die verordnete Einreibungstinktur auszutrinken. Als der Verstorbene am 28. Juli 1831 unter Einhaltung der geltenden Cholera-Regeln beerdigt werden sollte, entlud sich der Volkszorn gegen Ärzte und die Obrigkeit in spontanen Tumulten. Zunächst zogen mit Steinen und Knüppeln bewaffnete Haufen zum Neuen Friedhof, bevor sie dann in Richtung des Königsberger Schlosses sowie auf den Altstädtischen Markt vorrückten. Anschließend stürmte die erboste Menge das Polizeigebäude und verwüstete die Wohnung des Polizeipräsidenten.

Daraufhin wurde das Militär der Garnison Königsberg alarmiert. Der Kommandeur des I. Armee-Korps, Generalleutnant Karl August Adolf von Krafft, versuchte die johlenden Aufständischen zu beruhigen, was aber ebensowenig fruchtete wie die Deeskalationsversuche des Chefs des 3. Kürassier-Regiments, Generalmajor Friedrich Freiherr von Wrangel. Den rissen die Aufrührer auf dem Altstädtischen Markt um ein Haar vom Pferd, woraufhin er seinen Untergebenen den Befehl erteilte vorzurücken. Dagegen regte sich jedoch massiver Widerstand, weshalb die Soldaten das Feuer eröffneten. Aber selbst das führte nicht zum Erfolg.

Studenten vertrieben Randalierer

In dieser explosiven Situation beschlossen einige besonnene Bürger sowie rund 100 Studenten unter der Führung des Universitätsrichters Karl Eduard Grube, eigenmächtig für Ruhe und Ordnung zu sorgen: Die Gruppe bewaffnete sich mit Säbeln und Flinten und drang voll demonstrativer Entschlossenheit in das besetzte Polizeigebäude ein, wonach sie auch zahlreiche Randalierer in den übrigen Teilen der Stadt zerstreute oder festsetzte. Damit war der Königsberger Cholera-Aufstand praktisch beendet, was dazu führte, dass den Studenten höchste Anerkennung von Seiten des Staates zuteil wurde: Diese hätten freiwillig einer doppelten Gefahr getrotzt, nämlich dem „empörten Pöbel“ und der möglichen Ansteckung mit „einer furchtbaren Seuche“.

Die Volkserhebung forderte insgesamt acht Todesopfer: Während der Krawalle starben ein Student und sechs Insurgenten, zudem erlag einer der 16 schwer verwundeten Aufrührer später seinen Blessuren. Des weiteren zählten das Militär und die Gruppe um die Studenten 62 Verletzte. Darüber hinaus entstand ein Sachschaden von 14.660 Talern. Wegen ihrer Beteiligung an den Unruhen kamen rund 500 Personen in Haft, von denen sich dann letztlich 

151 vor Gericht verantworten mussten. 

Die Cholerawelle von 1831 dauerte in Königsberg noch bis Ende September an. Dass sich die Krankheit am besten dadurch bekämpfen lässt, dass die Menschen den Genuss verunreinigten Trinkwassers vermeiden, fanden die britischen Mediziner John Snow und Arthur Hill Hassall leider erst 23 Jahre später heraus.