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Folge 29-22 vom 22. Juli 2022 / Finanzmärkte / Warum Blasen platzen – und dennoch immer wieder neue entstehen / Seit Jahrhunderten jagen Investoren hysterischen Preisentwicklungen hinterher, um dann furchbar zu scheitern. Dahinter stecken psychologische Impulse, die sich durch die Zeiten erstaunlich ähneln

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-22 vom 22. Juli 2022

Finanzmärkte
Warum Blasen platzen – und dennoch immer wieder neue entstehen
Seit Jahrhunderten jagen Investoren hysterischen Preisentwicklungen hinterher, um dann furchbar zu scheitern. Dahinter stecken psychologische Impulse, die sich durch die Zeiten erstaunlich ähneln
Wolfgang Kaufmann

Im Februar 1637 nahm das Verhängnis seinen Lauf. Zunächst erreichte die närrisch überhöhte Tulpenliebhaberei der Niederländer ihren absoluten Höhepunkt. Nun wurden auf Auktionen bereits mehr als 10.000 Goldgulden für eine einzige Zwiebel von seltenen Sorten wie Semper Augustus geboten. Zum Vergleich: Die teuersten Häuser an den Amsterdamer Grachten oder 100.000 Pfund Käse kosteten damals die gleiche Summe. Doch dann fielen die Preise plötzlich innerhalb weniger Tage ins Bodenlose, weil sich von heute auf morgen niemand mehr bereit fand, so irrsinnig viel Geld für Tulpen zu bezahlen. Damit war die erste große Spekulationsblase der Geschichte geplatzt.

Ein untrügliches Kennzeichen solcher Blasen sind hohe Umsätze bei gleichzeitig stark steigenden Preisen – verursacht durch immer mehr Käufer, welche auf außerordentliche Gewinne hoffen, wobei die öffentliche Meinung oder die Medien diese Illusion noch nach Kräften anheizen. Weitere derartige Spekulationsblasen platzten 1700, 1720, 1873, 1929, 1990, 2000 und 2007, wobei es mal um koloniale beziehungsweise Handelsprojekte, den Eisenbahnbau, spekulative Firmengründungen oder Aktienkäufe auf Pump und mal um Technologiewerte und Immobilien ging.

Die besten Erklärungen für das Entstehen der Blasen liefert die Verhaltensökonomik (Behavioral Finance). Einer der Pioniere auf diesem Forschungsgebiet war der US-Psychologe Paul Slovic, der 1972 erkannte, dass die Spekulanten keineswegs nur von ihrer ausgeprägten Gewinnsucht getrieben werden, sondern auch kognitive Defizite aufweisen und deshalb zu irrationalem Verhalten tendieren. Hierauf bauten dann später die Greater-Fool-Hypothese und die Theorie vom Herdenverhalten auf. Im ersteren Falle wird angenommen, dass Investoren, die wissentlich überhöhte Preise zahlen, davon ausgehen, später einen noch größeren Dummkopf als sie selbst zu finden, der noch mehr Geld bietet.

Alle können ja nicht irren, oder?

Im zweiteren Falle gilt die Orientierung am Vorgehen anderer als Ursache für das Entstehen und Wachsen der Blase. Nach dieser Lesart handelt es sich beim Herdenverhalten um ein massenpsychologisches Phänomen, bei dem es zu gleichgerichtetem Verhalten während der Entscheidungsfindung kommt: Die Menschen tun das, was alle tun, weil alle es tun. Denn sie vertrauen darauf, dass sich die vielen Leute doch nicht samt und sonders irren können. Deshalb rennen sie blind der Masse hinterher und verfallen in Panik, sobald es nicht so läuft, wie es laufen sollte. Damit sind die Angehörigen der Herde oft auch die Hauptverantwortlichen für das Platzen der Blase. Das heißt, die angebliche „Fehlinvestition“ könnte durchaus die Folge einer selbsterfüllenden Prophezeiung sein, wenn das Herdenverhalten zu abrupten Verschlechterungen der Marktdaten führt.

Im Einzelnen lassen sich die kognitiven Ausfälle während der Entscheidungsfindung im Rahmen des Herdenverhaltens auf vier Ursachenbündel zurückführen. Zum Ersten wären da die sogenannten Informationskaskaden: Die Anleger werden vom Informationsfluss aus der Masse überrollt und ignorieren deshalb ihre eigenen Bedenken. Zum Zweiten spielt das Reputationsherdenverhalten eine Rolle. Man folgt Vorbildern mit besonders gutem Ruf. Zum Dritten gibt es das Nachforschungsherdenverhalten. Hier nutzen die Marktteilnehmer vorrangig die Informationsquellen, die vermutlich auch den anderen Anlegern zur Verfügung stehen. Und zum Vierten verfallen die Anleger dem Empirischen Herdenverhalten, indem sie sich an den Marktbewegungen der Vergangenheit orientieren, ohne die aktuellen Bedingungen mit zu reflektieren.

Darüber hinaus wirken aber auch einfache sozialpsychologische Mechanismen: Menschen folgen der Herde, weil die Evolution gezeigt hat, dass in der Masse eine höhere Überlebenschance besteht. Daher die weit verbreitete Abneigung, zum Außenseiter zu werden, indem man Zweifel an dem äußert, was die Mehrheit tut. Zumal die Letztere ja durchaus auch Recht haben kann: Wenn bei minus 20 Grad alle warme Kleidung tragen, ist das ein absolut sinnvolles Verhalten. Wobei sich dies aber eben nicht Eins zu Eins aufs Finanzielle übertragen lässt. 

Deshalb führt das Herdenverhalten bei Geldanlagen immer wieder zu individuellen und kollektiven Irrtümern mit folgenschweren Konsequenzen: Millionen verlieren Milliarden. Aktuell haben sich ebenfalls zwei Spekulationsblasen gebildet, welche über kurz oder lang platzen könnten, wenn feststeht, dass die Investitionen in immer teurer werdende Immobilien oder vermeintliche Zukunftstechnologien doch nicht das halten, was sie versprechen. Dabei gibt es freilich Möglichkeiten, sich davor zu schützen, zu sehr auf die „Schwarmintelligenz“ der Masse zu vertrauen und dadurch Anlagen in den Sand zu setzen oder gar in die totale Pleite zu stolpern.

Distanz zur Masse wahren

Ganz wichtig ist zunächst ein angemessenes Informationsverhalten. Dazu zählt vor allem der Rückgriff auf Quellen, welche der allgemeinen Meinung kritisch gegenüberstehen, also nicht nur das nachbeten, was jeder zu wissen glaubt und man auch selbst gerne glauben möchte. Hierdurch wird es schwerer, in Euphorie oder Leichtsinn zu verfallen.

Ebenso schädlich sind Gier und Neid. Wenn jemand in der Anfangsphase einer Blasenbildung exorbitante Gewinne realisiert hat, sind viele versucht, dessen Strategie nachzuahmen, um sich in gleicher Weise die Taschen zu füllen. Meistens springen sie aber erst dann auf den Zug, wenn es viel zu spät ist und das Kursniveau bereits jenseits von Gut und Böse liegt.

Des Weiteren empfiehlt sich eine angemessene Distanz zur Herde. Diese kann bei charakterstarken Menschen durchaus rein mentaler Natur sein. Noch hilfreicher wäre freilich, parallel auch auf physische Distanz zu gehen. Es fällt deutlich leichter, eine unabhängige Meinung zu entwickeln, wenn man fern von Personen lebt, welche uniformes Gedankengut vertreten. Das ist das Geheimnis mancher superreicher „Börsengurus“, welche eben gerade nicht an der Wall Street residieren, sondern ihre Entscheidungen in ländlicher Ruhe und Abgeschiedenheit treffen.