Bis Ende des Jahres sollen aus Litauen, Lettland und Estland die Denkmäler zur Verherrlichung des Sieges der Sowjetunion verschwinden. Zuerst sollen die Denkmäler mit Waffen, beispielsweise Panzern, die heute wieder im Einsatz sind, stürzen.
Das „Denkmal für die Befreier“ von Riga mit einer Höhe von über 80 Metern prägte seit 1985 die Silhouette von Riga. Am 25. August wurde es in Teilen abgerissen. Da das Besatzungsmuseum keine der Teile als künstlerisch wertvoll anerkannt hat, wurde das gesamte Denkmal vollständig entsorgt. Das lettische Parlament hatte zuvor eine Klausel in einem zwischenstaatlichen Abkommen mit Russland über den Schutz von Denkmälern sowjetischer Krieger gestoppt, sodass das Denkmal abgebaut werden konnte. Der Rigaer Stadtrat hatte den Abbau genehmigt. Das Angebot Russlands, das Denkmal nach dessen Abbau zurückzunehmen, wurde abgelehnt. Bis zum 15. November wird dasselbe Schicksal die noch verbliebenen 300 sowjetischen Denkmäler in Lettland heimsuchen.
Russische Politiker im Baltikum argumentieren dagegen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Denkmälern, die das Sowjetregime verherrlichen, und solchen, die zu Ehren der Soldaten der Roten Armee errichtet wurden, die die deutschen Truppen besiegten und aus Lettland vertrieben. Da aber auch letztere Soldaten die baltischen Länder nicht befreit, sondern sie in eine neue 45 Jahre dauernde sowjetische Zwangsherrschaft überführt hatten, fällt den Letten diese Erinnerung heute schwer. Die Denkmäler erinnern zu sehr an die russischen Truppen, die gerade in der Ukraine wieder Krieg führen mit dem Ziel der Unterwerfung eines Landes.
In Estland erklärte die Ministerpräsidentin Kaja Kallas, dass es im Interesse der inneren Ruhe notwendig sei, sobald wie möglich mit der Beseitigung der sowjetischen Kriegsdenkmäler zu beginnen. So wurde etwa das berühmte Narwa-Panzerdenkmal trotz des Widerstands der örtlichen Bevölkerung beseitigt, da ein Panzer kein Gedenkobjekt, sondern eine Mordwaffe sei, so die Begründung. „Und dieselben Panzer werden derzeit eingesetzt, um Menschen auf den Straßen der Ukraine zu töten“, so Kallas.
Narwa wurde 1945 besonders stark von der sowjetischen Armee zerstört, um später mit Russen neu besiedelt zu werden. Die liberale Kallas versprach, dass der Abbau der sowjetischen Denkmäler in ihrem Land mit Respekt für alle erfolgen und nichts zerstört werden würde. In Estland existierten noch zwischen 200 und 400 Denkmäler aus der Sowjetzeit, sagte sie. Sowohl der sozialdemokratische Innenminister Lauri Läänemets als auch der konservative Außenminister Urmas Reinsalu sind sich darüber einig, dass eine Verzögerung des Abbaus eine Gelegenheit böte, Spannungen in der Gesellschaft zu schüren.
Zusammen mit dem Panzer wurden an einem einzigen Tag sechs weitere rote Denkmäler aus Narwa entfernt. „Wir wissen, dass die Russische Föderation und ihre Sonderdienste die Spannungen in Estland weiter anheizen wollen, insbesondere im Bezirk Ida-Viru, wo es eine sehr große russischsprachige Gemeinschaft gibt. Denkmäler wurden schon immer von feindlichen Kräften benutzt, um Lügen zu verbreiten, und sie sind auch ein offizieller Teil der russischen Sicherheits- und Außenpolitik, um jene Propagandakriege anzustacheln, die die aggressiven Ziele ihres Staates unterstützen“, sagte Kallas. An die toten Soldaten soll weiter gedacht werden, aber ohne deren Waffen zu verherrlichen.
Reinsalu sagte, die Regierung wolle die roten Denkmäler in Zusammenarbeit mit den örtlichen Verwaltungen entfernen. Sollte diese nicht kooperieren, werde die Regierung Entscheidungen auf der Grundlage der Bedrohungsbewertung und des öffentlichen Interesses treffen und diese Entscheidungen auf der Grundlage des Gesetzes über die Rechtsdurchsetzung umsetzen.
Memel hatte Vorreiterrolle
In Litauen begann der große Abbau sowjetischer Ehrenmale im Juni in Memel. Litauen beherbergt die kleinste russische, aber die größte polnische Minderheit im Baltikum. Dort wurden schon seit Beginn des Ukrainekrieges sowjetische Ehrenmale, wie im Bezirk Kelme [Tytuvenai], immer öfter mit roter Farbe beschmiert. Der Denkmalabbau wurde ermöglicht durch die Liberalisierung der Vorschriften des Kulturministeriums für sowjetische Denkmäler. Sowjetische Ehrenmale wurden nach Memel auch in den Städten Kaunas, Kėdainiai, Varėna, Polangen, Marijampolė, Raseiniai und einigen anderen entfernt. Im Süden Litauens gibt es einen zentralen Denkmalfriedhof für alle entfernten Denkmäler, wo Nostalgiker diese Objekte weiter besichtigen können.


