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Folge 37-22 vom 16. September 2022 / Innenpolitik / Frieren und Strom sparen im Dienst einer höheren Sache / In der Energiekrise zeigen sich die Grünen einmal mehr als Glaubensaktivisten, denen die eigene Ideologie wichtiger ist als das Wohl der Menschen im Lande

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-22 vom 16. September 2022

Innenpolitik
Frieren und Strom sparen im Dienst einer höheren Sache
In der Energiekrise zeigen sich die Grünen einmal mehr als Glaubensaktivisten, denen die eigene Ideologie wichtiger ist als das Wohl der Menschen im Lande
Werner J. Patzelt

Zweierlei macht jene falschen Vorstellungen von der Beschaffenheit der Wirklichkeit so verlockend, die wir Ideologie nennen. Das eine ist ihre religiöse Dimension, also die Befriedigung der Lust aufs Glauben von etwas, das größer und schöner ist als man selbst. Heute fasziniert da oft die Vision einer freundlich-woken Gesellschaft ohne Atomkraftwerke und unnötigen Überfluss.

Zweitens nährt es Ideologie, wenn die Lust aufs Umgestalten der Welt nicht als glaubensgetrieben gilt, sondern als wissenschaftsbegründet. Dann nämlich kann man seine Gegner auch noch für dumm erklären. Einst lehrte der Wissenschaftliche Kommunismus, Ungerechtigkeit komme allein vom Kapitalismus, Weltkrieg aber vom Imperialismus als der höchsten Stufe des Kapitalismus. Also schien „die Wissenschaft“ zu beweisen, welche Politik verlässlich gut war – zumindest solange, wie nicht Saboteure und Verräter sie behinderten. Heute lehrt der Weltklimarat mit wissenschaftlichem Autoritätsanspruch, was alles zu einer Weltkatastrophe führt und deshalb vermieden werden muss. Das ist der Gebrauch fossiler Energieträger in Verbindung mit dem zu großen ökologischen Fußabdruck der westlichen Gesellschaften. Also sollen wir nicht unseren Wohlstand weiter steigern, sondern einfacher leben – nötigenfalls dazu gezwungen durch höhere Energiepreise. 

Haltung statt Fakten  

Wenn man beispielsweise frieren muss, dann am besten für die Stabilisierung des Erdklimas. Und falls das sachlich gar nichts brächte, hätte man doch „Haltung gezeigt“. Oder ein löbliches Bußwerk getan, das – den Glauben ergänzend – zur Erlösung von unserer Schuld führen könnte, im reichen Westen auch noch als Weißer geboren zu sein. Ungläubige Ketzer mit verführerischen Reden oder mit schadensfrohem Grinsen kann man dabei nicht brauchen; also herunter mit ihnen von öffentlichen Bühnen aller Art!

So halten es gern unsere Grünen als Partei des wirklich Wahren, tatsächlich Guten und echt Schönen. Wäre da nur nicht die Sache mit der Kernenergie. Die wurde in der Europäischen Union unlängst zur „grünen“ Energie erklärt, gerade so wie Wind und Sonne. Doch die Grünen freut das gar nicht. Von jeher haben sie die Kernenergie für des Teufels erklärt, von deren unbeherrschbaren Risiken gepredigt und prophetisch gewarnt vor dem durch sie eröffneten Weg in einen diktatorischen Atomstaat. 

Eigentlich könnte Wissenschaft da politisch-säkularisierend wirken. Ingenieure zeigen nämlich klar, dass die ohne ständige Sonneneinstrahlung sowie bei wiederkehrenden Flauten sehr unstetigen „Erneuerbaren Energien“ nicht geeignet sind, ihrerseits unser Stromnetz stabil zu halten. Vielmehr braucht es Absicherung von dessen Grundlast durch Reserven aus stetigen Energiequellen. Und weil sich Strom bislang nicht in beliebigen Mengen speichern lässt, benötigen wir zur Abdeckung von Nachfragespitzen solche Kraftwerke, die ganz nach Bedarf ihre Leistung steigern können. Das sind jene Gaskraftwerke, die uns geopolitisch abhängig machen. Für die Grundlast eignen sich ohnehin viel besser Kernkraftwerke, die außerdem keine Probleme mit CO₂ schaffen. 

Fehlt es an beiden Kraftwerkstypen sowie am sofortigen Stromimport, dann bricht rasch das Stromnetz durch solche Selbstabschaltungen zusammen, zu denen es aus Sicherheitsgründen kommt – und zwar mit gewaltigen Folgen für mehr als nur die Computerwelt unserer Alltagskommunikation.

Partei der politischen Romantik 

Wissenschaft legte also – neben dem Ausbau „Erneuerbarer Energien“ – eine abnehmende Nutzung von Gas- und Kohlekraftwerken samt vermehrter Nutzung der Kernenergie nahe. Doch Deutschlands grüne Energiepolitik macht das genau andersherum. Fracking-Gas, auf grünes Betreiben in Deutschland zu gewinnen verboten, bezieht man nun aus fernen Ländern, nachdem es mit hohen Kosten verflüssigt und über Ozeane verschifft wurde. Mit klimapolitisch unerwünschtem CO₂-Ausstoß wird es dann verfeuert, während funktionierende Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Auch hofft man auf den Neubau Tausender Windräder, obwohl jetzt schon nicht mehr ausreichend viele Handwerker und Materialien für Baustellen aller Art zu bekommen sind. Angeblich hätten wir ja auch nur ein Gasproblem, kein Stromproblem. In Wirklichkeit aber decken sich jetzt schon viele mit Heizlüftern ein und werden es im Winter die Sorge anderer Leute sein lassen, woher der Strom jenseits der Steckdose kommt. Warum diese Widersprüche grüner Politik – samt offenkundiger Unwilligkeit, sie zu erkennen und abzustellen? 

Es sind die Grünen eben doch mehr eine Partei der politischen Romantik als der wissenschaftlichen Weltanschauung. Die Älteren nahmen ihren grünen Glauben in jungen Jahren an und führen seither ihren – wie sie meinen – „guten Kampf“. Dem wollen sie umso mehr die Treue halten, als andere einst wichtige Glaubensinhalte inzwischen aufgegeben wurden, etwa der einst grundständige grüne Pazifismus. Die Jüngeren aber sind in der Glaubenspraxis ihrer Altvorderen aufgewachsen und finden solange keinen Grund zu Zweifeln, wie diskursprägenden Medien sie im grünen Glauben bestärken.

Was aber erwartet man von Glaubensaktivisten anderes, als dass sie sich als selbstgerechte Minderheit über die Ansichten und Interessen anderer hinwegsetzen? Dass sie genau dies sogar als ihren Auftrag ansehen, sobald sie Regierungsmacht ausüben? Zwar hat man sich beim Regieren auch mit solchen Tatsachen auseinanderzusetzen, die nicht dem Glauben zuliebe vergehen. Doch wenn die Tatsachen um keinen Preis so sein wollen, wie traditionelle Überzeugungen das glauben machen? Dann umso schlimmer für die Tatsachen! Und eines Tages vielleicht auch einmal für eine Partei, die sie nicht zur Kenntnis nehmen will. Falls letzteres wenigstens die Wählerschaft tut …


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