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Folge 37-22 vom 16. September 2022 / Der Wochenrückblick / Nichts zu befürchten / Warum die Kohlekraftwerke jetzt schnell weg müssen, und wieso meine Rechnung nicht stimmen kann

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-22 vom 16. September 2022

Der Wochenrückblick
Nichts zu befürchten
Warum die Kohlekraftwerke jetzt schnell weg müssen, und wieso meine Rechnung nicht stimmen kann
Hans Heckel

Ricarda Lang bleibt dabei: Der Kohleausstieg muss schon bis 2030 kommen, nicht erst 2038! Ganz im Sinne der Grünen-Chefin beeilt sich der rot-grüne Hamburger Senat denn auch, Deutschlands modernstes Kohlekraftwerk in Moorburg am Rande des Hafens der Hansestadt so zügig wie möglich abzureißen. Es war überhaupt nur sechs Jahre, von 2015 bis 2021, in Betrieb.

Die Botschaft ist eindeutig. Es gibt kein Zurück. Wir sind in der grünen Energiewende, der „großen Transformation“, gefangen. Pech gehabt! Oder auch nicht. Denn am Ende wird ja alles gut. Dann kommt unsere Energie zu hundert Prozent aus den „Erneuerbaren“, ganz ohne Atom und Fossil. Aber geht das überhaupt auf?

Ich gebe es gleich zu: Mathe war nie mein Ding. Aber heutzutage wird man regelrecht gezwungen, sich in den Dschungel der Zahlen und Rechnungen zu schlagen, um einen Überblick zu gewinnen. Daher will ich das hier mal versuchen. Jeder Leser ist dringend gebeten, mich zu korrigieren, falls ich mich in dem Gestrüpp hoffnungslos verfranzen sollte. Ich bin da nicht böse, ganz im Gegenteil.

Also fange ich mal an. Vom Primärenergieverbrauch haben die „Erneuerbaren“ 2021 rund 16 Prozent gedeckt. Die Zahl ist wichtig: Sonst wird immer vom Anteil an der Stromerzeugung geredet, wo allein Wind und Sonne viel mehr ausmachen. Aber wenn die Fossilen und das Atom erst mal ganz vom Markt verdrängt sein werden, muss doch wohl der gesamte Primärenergieverbrauch (das ist das, was nach Leitungsverlusten und ähnlichem tatsächlich beim Verbraucher ankommt) elektrisch gedeckt werden. Das ist daher die entscheidende Zahl.

Was hatte ich gesagt? Ach richtig: 16 Prozent. Davon entfielen elf Prozent hauptsächlich auf Biomasse, daneben ein wenig Wasserkraft und übrigen Kleinkram. Nun ist die Gewinnung von Biomasse aus menschlicher „Produktion“ und aus der Landwirtschaft auf natürliche Weise begrenzt. Seien wir mal optimistisch und sagen, das steigern wir trotzdem noch von elf auf 20 Prozent.

Bleiben 80 Prozent für Wind und Solar. Von den jetzigen fünf Prozent aus müssten wir deren Anteil demnach versechzehnfachen. Ende 2021 standen rund 32.000 Windkrafttürme in Deutschland, an Land und auf See. Daraus müsste dann gut eine halbe Million werden. Die Bundesrepublik umfasst eine Landfläche von 357 Quadratkilometern, dazu kommen unsere Wirtschaftszonen in Nord- und Ostsee, womit wir insgesamt bei gut 400.000 Quadratkilometern Fläche wären. Bei einer halben Million Anlagen stünde dann so Pi mal Daumen alle 800 Meter ein Windradkoloss. Und zwar überall, In Stadt und Land, in Wohn- und Naturschutzgebieten, im Wattenmeer wie an den Hängen der Alpen.

Um grundlastfähig zu sein und Flauten ausgleichen zu können, müsste man dazu noch jede Menge grünen Wasserstoff bereithalten, der dann wohl weitestgehend importiert werden sollte. 

Und bei dieser Aufstellung habe ich den Windschatten-Effekt noch gar nicht einkalkuliert: Ein Windrad, das weit hinten hinter einer großen Zahl weiterer Rotoren steht, bekommt natürlich weniger Wind zum Ernten ab als die Geräte in der ersten Reihe. Doch wenn ganz Deutschland derart zugespargelt ist, wäre hier eigentlich überall „hinten“, egal woher der Wind gerade weht.

Sie merken es natürlich selbst: Das kann alles nicht stimmen. Irgendwo habe ich einen kardinalen Rechenfehler begangen. Und zwar nicht nur in Größenordnungen von 20 oder 30 Prozent bei den einzelnen Daten, sondern ganz grundsätzlich. Deshalb noch einmal meine dringende Bitte, mir diesen Fehler zu enthüllen. Sonst treibt mich das Ganze noch in den Wahnsinn! Kann doch alles gar nicht sein.

Alle Brücken abbrennen

Es sei denn ... jetzt wird es düster: Es sei denn, sie wollen die fossile und die Atomenergie gar nicht ersetzen, sondern uns weitgehend ohne Energie dastehen und verarmen lassen. In einem Kommentar freute sich ein Kollege des Bayerischen Rundfunks schon kurz vor dem Ukrainekrieg, dass die Energiepreise ordentlich steigen, weil die Menschen dann ja weniger verbrauchen. Seit Kriegsausbruch geben praktische Ratschläge wie Kretschmanns Waschlappen-Idee dem vorgegeben Ziel Gestalt. Minister Habecks Ratschlag an die Bäcker, doch einfach mal nichts zu produzieren, ist ja schon legendär.

Was aber, wenn die Leute gar nicht verarmen wollen und rebellieren? Schon aus diesem Grunde handelt Hamburgs rot-grüner Senat äußerst konsequent mit dem raschen Abriss des KKW Moorburg – nämlich so wie ein General, der hinter seinen Truppen alle Brücken verbrennen lässt. Sobald die Soldaten merken, dass man sie in eine aussichtslose Lage manövriert hat, werden sie erkennen müssen, dass es kein Zurück mehr gibt zu älteren, viel sichereren Positionen. Dann werden sie eben kämpfen müssen für den strahlenden Plan ihres Befehlshabers, selbst wenn sie alle dabei draufgehen.

Vor dem Hintergrund war Habecks Geständnis zur „Zukunft“ der Bäckereien etwas überstürzt. Er hat allzu viele Menschen vorzeitig wach gemacht, ehe wir den Fluss komplett überquert haben und alle Brücken hinter uns in Rauch aufgegangen sind.

Die Ampel fürchtet nun, dass die Opposition auf sie einstürmt und das voreilige Bekenntnis zum Ziel der Mittelstandszerstörung als Einfallstor für mächtige Attacken nutzt. Aber diese Furcht ist vermutlich maßlos übertrieben. Die AfD wächst zwar wieder in den Umfragen, bleibt aber vorerst erfolgreich stigmatisiert. Die Linkspartei hat genug mit sich selbst zu tun. Bliebe die große Union. 

Noch viele Wochen nach Kriegsausbruch hatte CDU-Chef Merz beteuert, am Atomausstieg zum Jahresende festhalten zu wollen, weil es darüber in Deutschland einen „Konsens“ gebe. Später sagte ihm sein nasser Finger im Wind, dass dieser Konsens in eine Pro-Atom-Stimmung gekippt sei, ergo kippte der Standhafte mit.

Der Vorgang ist typisch für den Anführer der Christdemokraten. Er will – schon nicht mehr der Jüngste – eben unbedingt noch Kanzler werden, ganz egal mit welcher Partei und für welche Politik. Nach Lage der Dinge stehen dafür nur Grüne und Liberale zur Verfügung. Die Liberalen sind ebenso „flexibel“ wie der CDU-Vorsitzende. Nur die Grünen hegen noch Überzeugungen (und was für welche!). Also umschleimt Merz die Partei von Habeck und Lang mit einer Frauenquote in der CDU und einem Ausspruch, den wir sonst eher aus den Reihen der AfD gewöhnt sind: „Die CDU ist keine konservative Partei.“

Schon witzeln die Leute über Merz, nennen ihn „Friedrich Merkel“ oder „Angela Merzel“ in Anlehnung an jene Kanzlerin, die in Sachen Einwanderung oder Energiepolitik schon stramm auf Grün-Kurs wandelte. Mit anderen Worten: Von dem guten Mann hat die Ampel nicht allzu viel zu befürchten. Dieser matte Bettvorleger tut nicht einmal so, als sei er ein Löwe.


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