19.04.2024

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Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022 / Brasilien / Bolsonaro hat eine reelle Chance / Am 30. Oktober trifft der Präsident in der Stichwahl auf seinen Herausforderer und Vorgänger Lula da Silva

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022

Brasilien
Bolsonaro hat eine reelle Chance
Am 30. Oktober trifft der Präsident in der Stichwahl auf seinen Herausforderer und Vorgänger Lula da Silva
Bodo Bost

Brasiliens amtierender Präsident Jair Messias Bolsonaro war in den Wahlumfragen in Brasilien bereits totgesagt. Sein Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva lag in allen Umfragen fast uneinholbar vorne. Dann staunten nicht wenige, als beim ersten Wahlgang der diesjährigen Präsidentenwahlen in den ersten Prognosen und Hochrechnungen plötzlich Bolsonaro vorne lag, und am Ende mit nur fünf Prozentpunkten Abstand zweiter wurde. Prognostiziert worden waren 15 Punkte. 

Der Präsident hat es geschafft, mit einer begnadeten Rhetorik eine Massenbewegung hinter sich zu scharen. Die Verehrung für ihn hat fast religiöse Züge, immerhin trägt er den Vornamen Messias. Früher konnte auch sein zehn Jahre älterer Herausforderer die Massen bewegen, diesmal schaffte es der 76-Jährige Lula mit seiner heiseren und verbrauchten Stimme das nicht mehr. 

Bolsonaros Politik während der Pandemie, die Corona nicht ernst genug nahm, sein Raubbau am Regenwald und  sein oft machohafter Ton prädestinierten ihn nicht zum Gewinner. Viele fürchteten, Bolsonaro würde wie weiland Donald Trump das Ergebnis der Abstimmung, wenn sie gegen ihn ausfällt, nicht anerkennen. 

Massenbewegung durch Rhetorik 

Vor dem ersten Wahlgang glaubte selbst seine einstige Machtbasis, die Pfingstkirchen, die ihn 2018 mit fast 80 Prozent Zustimmung ins Amt gebracht hatten, an eine Niederlage ihres Idols und begannen ihre Fühler wieder Richtung Lula auszustrecken, der bereits als Präsident zwischen 2002 und 2010 mit den Pfingstlern geliebäugelt hatte, um Mehrheiten im Parlament hinter sich zu bekommen. Wenn es Bolsonaro vor dem zweiten Wahlgang am 30. Oktober wieder schaffen sollte, seine Anhänger unter den Evangelikalen zurückzugewinnen, könnte es für eine zweite Amtszeit reichen. 

Die katholische Kirche, die immer noch die stärkste Religionsgemeinschaft in Brasilien ist, konnte zwar – sieht man einmal von seinem strikten Anti-Abtreibungs-Kurs ab – mit Bolsonaro nicht viel anfangen, aber große Teile des Episkopats hatten sich auch von Lula entfremdet. Der deutschstämmige Kardinal von Rio, Eusebio Scheid, hatte ihn 2005 sogar wegen seiner Korruptheit als Chaoten und „nicht katholisch“ bezeichnet. Wegen Korruption und Machtmissbrauch saß Lula auch vor einigen Jahren 18 Monate im Gefängnis. Vorzeitig entlassen wurde er nur, weil das Verfassungsgericht seinen Richter als befangen einstufte. 

Der ehemalige brasilianische Richter Sergio Moro hat während seiner aktiven Zeit Lula da Silva verurteilt und diente später als Justizminister in der Regierung von Bolsonaro, bevor er sich mit ihm überwarf. Moro wurde danach zum Aushängeschild eines modernen Konservativismus und zur Alternative für Bolsonaro. Eigentlich wollte auch Moro für die Präsidentschaft kandidieren, ihm wurden bereits gute Chancen eingeräumt, als junge unverbrauchte Kraft. Aber seine Partei „Unione Brasileiro“ zwang ihn zum Rückzug. 

Unterstützung durch Sergio Moro

Am 2. Oktober gewann Moro mit 33,7 Prozent der Stimmen einen Sitz im Senat des Bundesstaates Paraná. Er war einer der ersten, die nach dem ersten Wahlgang für die Ende Oktober anberaumte Stichwahl seine Unterstützung für das derzeitige Staatsoberhaupt bekannt gaben. Lula da Silva, den er einst ins Gefängnis brachte, sei keine Option für die Wahlen, seine Regierung sei von Korruption geprägt gewesen, schrieb Moro auf „Twitter“. Moro, einst ein Symbol der brasilianischen Anti-Korruptions-Kampagne, hat im Volk immer noch viele Anhänger. Er könnte Bolsonaro die fehlenden Stimmen bringen.

Der Erfolg von Bolsonaro hat mit den Besonderheiten des Riesenlandes zu tun. Die erzkonservativen Pfingstkirchen werden immer stärker, Gewalt prägt immer mehr das Land, die soziale Schere geht immer weiter auseinander. Bolsonaro verfolgte eine Strategie der Volksnähe und Kritik am Establishment, die schon rechte Parteien in anderen Ländern erfolgreich angewandt hatten. Er will nicht nur eine Wahl gewinnen, er will die Gesellschaft nachhaltig verändern. Das scheint ihm schon im ersten Wahlgang gelungen zu sein, denn am 2. Oktober erzielten einige seiner engsten Mitstreiter auf regionaler und lokaler Ebene gute Ergebnisse. Bibeltreue Evangelikale, antikommunistische Militärs und Ex-Polizisten schafften es, in viele Parlamente einzuziehen.