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Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022 / TV-Kritik / Wenn die Angst durch den Gartenzaun kriecht / Der ZDF-Film „Die Bürgermeisterin“ thematisiert die Bedrohung ehrenamtlicher Politiker durch Radikale

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022

TV-Kritik
Wenn die Angst durch den Gartenzaun kriecht
Der ZDF-Film „Die Bürgermeisterin“ thematisiert die Bedrohung ehrenamtlicher Politiker durch Radikale
Anne Martin

Wenn die ehrenamtliche Bürgermeisterin des fiktiven Orts Neustadt-Linden zur Bürgersprechstunde lädt, kommen scheinbare Bagatellen auf den Tisch: wucherndes Unkraut auf dem Friedhof, fehlende Parkmöglichkeiten für den Bücherbus, Kunstrasen für die Fußball-Kicker. Als allerdings ein Flüchtlingsheim gebaut werden soll, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. 

Der ZDF-Film „Die Bürgermeisterin“ (24. Oktober um 20.15 Uhr) beschreibt so glaubhaft wie unaufgeregt die verschiedenen Stufen einer Eskalation. Claudia Voss (Anna Schudt) reagiert auf die Bau-Vorgabe des Kreises zunächst gelassen. Die Ankündigung allein löst in der Stadt allerdings heftige Widerstände aus. Anwohner fürchten um ihre Sicherheit und die Grundstückspreise. 

Die Stimmung wird vom politischen Gegenspieler genutzt, um Proteste loszutreten: „Nein zum Heim!“ Als die „Spaziergänge“ des Widersachers und seiner Anhänger zunehmend gewaltbereite Krawalltouristen anlocken, erhält die Familie der Bürgermeisterin Polizeischutz. Von nun an steht Tag und Nacht ein Streifenwagen vor dem Einfamilienhaus, die Post wird an eine Polizistin übergeben, was nicht verhindert, dass Tochter Leonie (Jule Hermann) eines Tages einen an sie adressierten Brief mit Fäkalien aufreißt. 

Voss und Ehemann Peter (Felix Klare) wird dringend geraten, ihr Haus nachts nicht mehr zu verlassen und vor dem Starten des Autos die Radmuttern zu überprüfen. Angst schleicht sich ein. Als Mutter und Tochter einen Tag am See verbringen, lässt eine Horde Jugendlicher Paddelboote zu Wasser und nimmt Kurs auf die beiden Frauen. Die geraten in Panik und flüchten Hals über Kopf. In den folgenden Wochen brechen dem Ehemann Aufträge weg – nun ist es auch mit der ehelichen Solidarität vorbei. 

Das geplante Flüchtlingsheim ist nur der Aufhänger für ein gesellschaftliches Phänomen, das durch das Internet befeuert wird. Immer mehr Politiker werden schikaniert und bedroht. Dem ZDF-Film ist dabei zugutezuhalten, dass die Brandstifter nicht nur in der rechten Szene verortet werden. Der Gegenspieler, den die entnervte Claudia Voss in dessen Büro aufsucht, berichtet von einem Brandanschlag der Antifa auf sein Haus, wo er sich seinerzeit genauso alleingelassen fühlte wie die Bürgermeisterin jetzt. 

Die folgende Dokumentation „Engagiert und attackiert – wenn Politiker zur Zielscheibe werden“ stellt die zunehmende Bedrohung besonders Ehrenamtlicher in den Mittelpunkt. Blaupause für Film wie Doku ist der Mord an dem hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der 2019 auf der Terrasse seines Hauses von einem Rechtsextremisten erschossen wurde.